TURTELTAUBEN
[KURZGESCHICHTE]
»Ach ja, ich vermisse diesen schrägen Vogel jetzt schon«, gurrte Norbert traurig in sich hinein, während er und Hitchcock mitansahen, wie Earl am Himmel Richtung Süden verschwand.
»Ich auch«, pflichtete der alte Papagei ihm bei. »Aber ich glaube an ihn. So wie er an uns. Wenn das Frühjahr naht, werden wir ihn wiedersehen.«
»Das hoffe ich doch, sonst zupfe ich ihm persönlich die Federn. Wenn du mich nun entschuldigen würdest, ich habe bei all dem Stress noch nicht gefrühstückt«, verabschiedete sich der Tauberich und machte sich daran, die Stadt zu erkunden. Sie war kleiner als die, in der er aufgewachsen war. Verschlafen und gemütlich, ganz in Norberts Sinne. Er fühlte sich wohl dabei, wieder an einem Ort angekommen zu sein.
Die Reise war nichts für ihn. Dafür hatte er es viel zu sehr vermisst, die Marktplätze nach Krümeln abzusuchen, in Brunnen zu planschen oder von allen möglichen Dachrinnen sein Liedchen zu gurren. Seinen Lieblingsplatz hatte er zwar noch nicht entdeckt, dafür aber das Gefühl, ihn an diesem Ort zu finden.
Hin und wieder traf er sich mit Hitchcock. Dieser saß meist am Rande des Parks und beobachtete, wie seine Verflossene ihre Runden drehte.
»Hast du dich immer noch nicht getraut, sie anzusprechen?«, fragte Norbert bei einem ihrer Treffen.
Hitchcock zuckte mit den Flügeln.
»Morgen ist auch noch ein Tag.«
»Du bist um die halbe Welt geflogen, um nach ihr zu suchen. Und Spatzendreck noch eins, du hast sie gefunden. Wer hätte das gedacht? Trotzdem sitzt du hier Tag für Tag und beobachtest sie aus der Ferne. Worauf wartest du noch?«
»Ich weiß nicht … Vielleicht auf den richtigen Moment.«
»Und wenn du ihn dadurch verpasst? Was bedeutet schon richtig? Ich dachte, es sei richtig, mein Leben in der Stadt zu verbringen. Doch dann folgte ich diesem Kuckuck auf seine waghalsige Reise. Genau wie du. Nun sind wir hier. Gestrandet im Augenblick. Er verstreicht schneller, als du denkst.«
»Ich war nie besonders gut darin, auf andere zuzugehen. Deshalb nannten sie mich im Vogelhaus auch Einstein. Ich verbrachte die meiste Zeit meines Lebens in einem Käfig. Ich weiß, das klingt verrückt, aber manchmal habe ich das Gefühl, er sei noch da … und ich mittendrin.«
»Diesen Käfig hast du dir selbst ausgesucht. Nicht er schottet dich von der Außenwelt, sondern du. Na los, flieg schon zu ihr rüber.«
»Vielleicht morgen«, entgegnete Hitchcock.
»Das hast du gestern schon gesagt.«
»Und du hast gesagt, du würdest deinen Lieblingsplatz finden. Trotzdem sitzt du hier und erzählst mir dieselben Dinge wie jeden Tag.«
»Das werde ich auch, Bunter. Warten wir es ab.«
»Ganz genau«, seufzte Hitchcock und sah leeren Blickes zu Toni, die im Wasser der Brunnenanlage badete. »Warten wir es ab …«
»Ob Earl schon im Süden ist?«, fragte Norbert, dem der Abschied noch immer klamm in den Daunen saß.
»Wer weiß ... Diese Geschichte steht auf einem anderen Blatt. Vermutlich ist es an der Zeit, unsere eigene zu schreiben.«
»Oh ja, das werden wir. Dieser Kuckuck hat unser beider Leben ganz schön wachgerüttelt, was?«
»Ja, das hat er«, sagte Hitchcock und sah zu Toni. Ihre blauen Federn leuchteten noch wie an dem Tag, an dem er sie kennengelernt hatte.
»Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich hier so wohl fühlen würde«, gurrte Norbert. »Alles ist anders, aber irgendwie auch gleich. Ich meine die Menschen und ihre Lebensweise. Du kannst eine Taube in jeder Stadt der Welt aussetzen und wir werden uns zurechtfinden.«
»Aber?«, fragte Hitchcock, der Norbert ansehen konnte, dass seine Worte größer waren als der Geist dahinter.
»Trotzdem habe ich meinen Lieblingsplatz noch nicht gefunden … Ist ja auch egal. Ich denke, wir sehen uns dann morgen um dieselbe Zeit«, verabschiedet er sich und flog aus dem Park.
Er wusste noch nicht genau wohin, doch sein knurrender Magen wies ihm die Richtung. Er flog durch die Gassen, bis er den kleinen Supermarkt an der Ecke erreichte. Die Mülltonnen an der Laderampe hatte er sich gemerkt.
Während er auf der Laterne saß und darauf wartete, einen geeigneten Moment abzupassen, gesellte sich ein weiterer Vogel zu ihm. Eine Taube mit weiß-grauem Gefieder.
»Was machst du da?«, fragte sie.
»Warten«, entgegnete Norbert.
»Und dann?«
»Fressen.«
»Und dann?«
»Verdauen und darauf warten, dass ich wieder fressen kann.«
»Und dann?«, fragte die Fremde weiter.
Norbert atmete tief durch und drehte sich um. Als er die weißen Federn in der Morgensonne schimmern sah, verflog sein Unmut.
»Huch – wer hat dir denn die Farbe gestohlen?«
»Weiß nicht. Ich kam so zur Welt. Und du?«
»Was und ich?«
»Deine Federn sehen irgendwie anders aus«, bemerkte die Fremde und betrachtete Norbert von Schnabel bis Klaue.
»Musst du gerade sagen.«
»Du kommst nicht von hier, oder?«
»Nein, ich bin neu in der Stadt. Hat mein Akzent mich verraten?«, entgegnete Norbert zynisch.
»Woher kommst du?«
»Weit aus dem Norden.«
»Und was machst du dann hier?«, fragte die Fremde unnachgiebig weiter.
»Ich folgte einem Kuckuck in den Süden. Lange Geschichte.«
»Und die Kurzfassung?«
»Du bist ganz schön neugierig. Das war er auch …«, gurrte Norbert und fragte sich im Stillen, was Earl wohl gerade machte.
»Nicht neugierig«, sagte die Fremde. »Ich bin Gwen. Wer bist du?«
»Norbert …«, antwortete dieser und nahm die Fremde skeptisch in Augenschein. Was stimmte nur nicht mit ihr? Die aufgedrehte Art, das Gefieder. Sie wirkte wie ein abstraktes Kunstwerk.
»Was dagegen, wenn ich dich Nobby nenne?«, fragte sie.
»Oh ja, das habe ich.«
»Nobbelton?«
»Wie wäre es, wenn du auf die Laterne dort drüber fliegst? Dann kannst du mich von mir aus nennen, wie du möchtest«, schlug Norbert mit Blick auf die andere Seite des Parkplatzes vor.
»Und dann?«
»Nichts und dann. Ich ziehe mein Ding durch und du fliegst dahin, wo du hergekommen bist.«
»Aber ich komme doch von hier …«, gurrte Gwen verwirrt.
»Ach vergiss es«, sagte Norbert und flog davon.
Stattdessen versuchte er sein Glück in der Fußgängerzone, am Bahnhof und an der Markthalle. Zum Schlafen zog er sich auf den Kirchturm zurück, an dem er sich von Earl verabschiedet hatte. Kein Lieblingsplatz, aber ein Ort, der ihm das Gefühl gab, nicht allein zu sein.
Am nächsten Tag traf er sich wieder mit Hitchcock im Park.
»Wie sieht es heute aus, Bunter?«
»Alles beim Alten«, krächzte Hitchcock, der mit einengendem Frohsinn beobachtete, wie Toni ihre Bahnen flog. »Und du? Was ist mit deinem Lieblingsplatz? Du wärst nicht hier, wenn du ihn gefunden hättest.«
»Weißt du, das ist nicht so einfach. Er erfordert eine innige Vertrautheit. Dieses Gefühl von – wo bist du all die Jahre gewesen? Ein Nachhausekommen, nicht nur im Geiste, sondern vor allem im Herzen. Dieser eine Ort auf der Welt, der dir das Gefühl gibt, angekommen zu sein.«
Hitchcock sah gedankenverloren zu Toni.
»Ich verstehe nur zu gut, was du meinst. Vielleicht zögere ich diesen Moment deshalb so weit hinaus. In meiner Vorstellung beinhaltet er genau das. Was, wenn sie zerplatzt? Wenn Toni längst jemand anderen hat?«
»Als ihr Stalker solltest du das wissen. Ich habe jetzt übrigens auch einen.«
»Du?«, fragte Hitchcock verdattert.
»Ja, gestern am Supermarkt. Ich dachte schon, ich werde die gar nicht mehr los. Eine Taube mit weißen Federn. Hast du so etwas schon mal gesehen?«
»Falls das so ist, solltest du dich mit ihr paaren. Wenn sie verrückt genug ist, sich auf dich einzulassen, ist sie perfekt.«
»Bei dir piept es wohl. Wir sehen uns morgen, Bunter«, sagte Norbert und flog in die Stadt. Bestrebt, es nochmals am Supermarkt zu versuchen.
Als er sich zum Ausspähen auf der Laterne niederließ, blieb er nicht lange allein.
»Hey, wen haben wir denn da? Ist das etwa der Nobbynator?«, gurrte Gwen freudig.
»Bitte, nenn mich nicht so.«
»Was machst du hier?«
»Warten«, gurrte Norbert gereizt.
»Und dann?«
»Fressen.«
»Und dann?«
»Verdauen und darauf warten, dass ich wieder fressen kann. Und ich schwöre dir, fragst du noch einmal und dann, fresse ich DICH!«
»Warum so gemein?«, fragte Gwen traurig.
»Tut mir leid. Ich bin nicht so die gesellige Taube. Eher ein Einzelgänger. Weißt du, ich habe erst kürzlich meinen besten Freund verloren.«
»Oh, das muss sicher schwer sein. Ich kenne das. Die meisten Tauben hier können mich nicht ausstehen. Sie sagen, ich sei komisch. Aber du bist neu. Vielleicht bist du ja wie ich.«
»Nein, ich glaube kaum. Und das liegt nicht nur an deinen weißen Federn, es ist mehr deine überdrehte Art …«
»Ich schlürfe vorm Bäcker immer die Kaffeebecher aus, so kann ich länger wach bleiben.«
»Schlägt wohl aufs Hirn, lass das besser sein«, sagte Norbert und flog davon. Seine Nahrungssuche führte ihn von der Fußgängerzone zum Bahnhof, vom Bahnhof zur Markthalle und schließlich auf den Kirchturm.
Als am nächsten Tag die Sonne aufging, traf er sich mit Hitchcock im Park.
»Was ist heute los mit dir? Du hast mich noch gar nicht gefragt, ob ich sie angesprochen habe?«, fragte Hitchcock besorgt.
»Hast du?«
»Nein, aber das ist ein anderes Thema. Was beschäftigt dich? Immer noch auf der Suche nach deinem Lieblingsplatz?«
»Ach, ich weiß nicht. Schlafen, fressen, schlafen. Irgendwie fehlt mir etwas«, gurrte Norbert mit hängendem Schnabel.
»Was fehlt dir?«
»Keine Ahnung, möglicherweise eine Partnerin. In meiner Heimatstadt sah ich mich nie bereit dafür. Aber nun, wo ich die Welt gesehen habe, trage ich dieses tiefe Gefühl von Sesshaftigkeit in mir. Und ja, ich wäre froh, es mit jemandem zu teilen.«
»Was ist mit dieser Taube, von der du mir erzählt hast?«
»Kuckulores. Spinn mal nicht rum, alter Vogel. Was ist mit dir? Wie lange willst du noch warten? Wenn du jetzt kneifst, hättest du genauso gut in deinem Vogelhaus bleiben können.«
»Ja, vielleicht bin ich ein Feigling. Aber du bist ein Idiot, wenn du ihr nicht mal eine Chance gibst.«
»Ich sollte sie dir mal vorstellen. Sie ist etwas kontaktfreudiger als du«, brummte Norbert.
»Manche Dinge brauchen Zeit.«
»Nur Menschen sind so verrückt, ihr Leben der Zeit unterzuordnen. Wir Tauben leben den Tag. Wenn Gwen nicht wäre, hätte ich meinen Lieblingsplatz schon längst gefunden. Die Mülltonne hinter dem Supermarkt hat Potenzial. Du glaubst nicht, was die da für Leckereien wegschmeißen.«
»Dann lad sie doch mal zum Fressen ein. Bislang bist du immer nur davongeflogen. Ein Tag wie der andere. Gib diesem die Chance, etwas anderes zu sein.«
»Anders …«, gurrte Norbert erheitert. »Ja, das ist sie. Du bist verrückt, Bunter. Aber in einem Punkt hast du recht. Ich werde mich heute in dieser Tonne sattfressen – komme, was da wolle.«
Norbert machte sich auf den Weg und steuerte den Supermarkt an. Diesmal war von Gwen nichts zu sehen. Er landete auf der Laterne und beobachtete die Laderampe.
Als ein Mitarbeiter vergaß, den Deckel zu schließen, ergriff Norbert die Gunst der Stunde. Er glaubte sich allein, doch während er sich freudig durch die Abfälle pickte, gesellte sich ein weiterer Vogel zu ihm.
»Was machen wir nach dem Fressen?«, gurrte Gwen.
»Wir?«, fragte Norbert entgeistert, als er seinen Kopf aus der Müslipackung zog und in Gwens neugierige Augen blickte.
»Na, du und ich. Ich und du. Gwenbert.«
»Oh bitte, lass das mit diesen komischen Namen.«
»Norgwen?«
»Wenn ich satt bin, verdrücke ich mich in die Fußgängerzone. ALLEIN. Eigentlich war ich auf der Suche nach meinem Lieblingsplatz«, sagte Norbert und schielte mürrisch auf Gwen. »Ich dachte, dieser könnte es sein, aber eine Kleinigkeit stört mich daran.«
»Kein Wunder, wenn du dich mit der Tonne zufriedengibst. Das ganze leckere Zeug kommt doch von da drinnen«, sagte Gwen und machte einen Schnabelschwenk zum Gebäude.
»Ich weiß nicht, das riecht nach Ärger. Die oberste Taubenregel lautet: Dumm gucken, klar denken – Unauffälligkeit ist unsere höchste Tugend. Für die Menschen sind wir unsichtbar, solange wir nicht unmittelbar in ihre Strukturen eingreifen.«
»Also meine oberste Regel lautet: Sage niemals nein zu einem Abenteuer.«
»Nichts für ungut, aber ich habe gerade erst eins hinter mir.«
»Jeder Tag kann ein Abenteuer sein, wenn du ihm die Chance dazu gibst«, sagte Gwen und blickte Norbert so tief in die Augen, dass es ihm unangenehm wurde.
»Dann suche ich mal in der Fußgängerzone danach«, gurrte er und flog in die Stadt.
Der Rest des Tages verlief wie gewohnt. Norbert durchstreifte die Fußgängerzone, den Bahnhof und die Markthalle. Zum Schlafen zog er sich auf den Kirchturm zurück. Der Blick zu den Sternen stimmte ihn nachdenklich. Hatte der Kuckuck nicht gesagt, ein jedes dieser Lichter stamme von einem Lebewesen, das seiner Bestimmung gerecht wurde?
Norbert war eine Taube, nach seiner Bestimmung musste er sich nicht lange fragen. Dafür aber danach, wo sein Platz in der Welt sein sollte. Er hatte hier unten ein neues Leben begonnen und stieß sich dennoch an derselben Frage, die ihn dazu bewog, seine Heimatstadt zu verlassen. Sollte das alles sein?
Als er am nächsten Tag in den Park kam, war Hitchcock nicht zu finden. Dann sah er ihn – mit Toni über dem Brunnen. Dieser alte Mistkerl, dachte sich Norbert in freudiger Trauer und flog davon.
Sein Ziel – der Supermarkt, wo er wie erhofft auf Gwen traf.
»Also gut, tun wir es«, gurrte er entschlossen.
»Tun wir was?«, fragte Gwen verwirrt.
»Das Abenteuer, von dem du gegurrt hast. Ziehen wir es durch. Steigen wir in den Supermarkt ein.«
»Na dann los«, gurrte Gwen freudig.
»Halt, halt. Nicht so schnell«, hielt Norbert sie zurück. »Als ich das letzte Mal unüberlegt wo eingestiegen bin, ging der Plan ziemlich nach hinten los. Hast du einen?«
»Na ja, wir fliegen durch die Tür oder was dachtest du?«
»Wenn wir durch die Tür fliegen, fangen die ersten Menschen an zu schreien, noch bevor wir drin sind. Unauffälligkeit ist gefragt.«
»Und was schlägst du vor?«
»Warten und beobachten. Sobald wir drinnen sind, halten wir die Flügel still. Tagsüber sollten wir besser nicht gesehen werden. In der Nacht hauen wir uns die Schnäbel voll und verschwinden am nächsten Morgen wieder nach draußen.«
»Wow, du machst so etwas nicht zum ersten Mal, oder?«, fragte Gwen beeindruckt.
Norbert fühlte sich geschmeichelt durch die Art, wie sie ihn dabei ansah. Ihre naive Unbefangenheit erinnerte ihn an Earl.
Während Gwen Norbert Löcher in seinen ohnehin schon leeren Bauch fragte, warteten sie, bis sich eine Gelegenheit auftat. Der Rollatorkorb einer alten Dame sollte ihr Eintrittsticket sein. Drinnen ankommen, schlichen sie sich heraus und versteckten sich bis zum Ladenschluss hinter den Getränkekisten.
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In der Zwischenzeit erlebte der alte Papagei seinen zweiten Frühling. Aber vielleicht sollten wir dafür einen Tag zurückspringen. Nachdem Norbert davongeflogen war, schlug Hitchcocks Herz schneller. »Ein Tag wie der andere. Gib diesem die Chance, etwas anderes zu sein«, hatte er dem Tauberich gesagt. Er hielt daran fest, als er mit zittrigen Flügeln auf den Brunnen zuflog, über dem Toni ihre Runden drehte. Als sie ihn sah, landete sie neben ihm.
»H… Hitchi?«, krächzte sie ungläubig.
Hitchcock erstarrte im Blau ihrer Federn. Abertausend Mal hatte er sich diesen Moment ausgemalt. Sich überlegt, was wohl die richtigen Worte für ihn wären. Doch ausgerechnet jetzt fehlten sie ihm. Stattdessen verlor er sich in Tonis Augen. Sie erzählten von Liebe, Sehnsucht und dem Schmerz, von der Welt getrennt zu sein – jener Schmerz, der ihn dazu bewog, die Sicherheit seines Käfigs zu verlassen.
»Vermutlich ist man nie zu alt, um ein Wunder zu erleben«, sagte er, als die Schockstarre ihn verließ und ein Gefühl von Wärme die Überreste der Gitterstäbe in seinem Inneren zerschmelzen ließ.
»Was machst du hier?«, fragte Toni.
»Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher. Ich flog in der Hoffnung los, den größten Fehler meines Lebens rückgängig zu machen. Nun, da ich hier bin, weiß ich nicht, ob ich das Recht dazu habe …«
»Du bist um die halbe Welt geflogen, nur um mich zu suchen?«
»Die Hoffnung darauf half mir auszubrechen. Dabei hätte ich nie gedacht, dass ich dich wirklich finden würde. Umso ratloser war ich, als ich dich das erste Mal hier fliegen sah. Tag für Tag saß ich auf der Mauer dort drüben und schob diesen Moment vor mir her. Nun – da ist er. Da bin ich. Und auch wenn ich mir die Chance auf ein Wir verspielt habe, möchte ich mich nicht länger verstecken.«
»Du alter Dummkopf«, entgegnete Toni. »Wo bist du die ganze Zeit gewesen?«
»Ich lebte versteckt … Im Schatten des Lebens, das hätte sein können, wenn ich an jenem Tag mit dir gekommen wäre ... Und ja, ich war ein Dummkopf, als ich dich fliegen ließ. Ich kehrte zu dem Mädchen zurück, bei dem ich aufgewachsen war und sah ihr beim Wachsen zu. Dabei, wie sie alt wurde – wie auch ich. Als sie starb und ich mich erneut der Weite der Welt gegenübersah, tauschte ich die neugewonnene Freiheit wieder gegen einen Käfig ein. Ein Vogelhaus, in dem ich meinen Lebensabend verbringen wollte. Doch dann traf ich auf diesen Kuckuck und seinen großschnäbligen Freund Norbert. Die beiden zeigten mir eine Seite meiner selbst, die ich längst vergessen hatte. Sie schenkten mir den Mut auszubrechen und die Hoffnung, nach dir zu suchen. Ich fühlte mich, als würde ich aus einem langen Winterschlaf erwachen«, krächzte Hitchcock und dachte an die Jahre, die er einsam in seinem Vogelhaus verbracht hatte. All die Nächte, in denen er aus der Kuppel geblickt hatte und sich fragte, ob Toni noch am Leben wäre. »Dich wirklich zu finden, hätte ich mir nie erträumt. Wie ist es dir in der Zwischenzeit ergangen?«
»Nicht anders … Zwar war ich frei, aber allein. Was bedeutet schon Glück, wenn man es mit niemandem teilen kann? Ich flog davon und wollte den Neuanfang wagen. Das heißt, ich habe es versucht – vergebens ohne dich. Denn egal welcher Vogel mir auch begegnete, keiner war wie du. Also flog ich zurück, um nach dir zu suchen …«
»D… du warst da?«, fragte Hitchcock mit zitternden Knien.
»Ja, nicht nur einmal … Alle Jahre kehrte ich zurück. Aber von dir fehlte jede Spur. Kein Wunder, wenn du dich ständig versteckt hast.«
»I … ich …«, stammelte Hitchcock, doch Toni unterbrach ihn.
»Nicht ich. Wir. Ganz gleich, was war – unser neues Leben beginnt jetzt«, sagte sie und legte ihren Hals an Hitchcocks. In diesem Moment gaben sie sich das stille Versprechen, sich nie wieder aus den Augen zu verlieren.
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»Meinst du, wir können jetzt raus?«, fragte Gwen, als nach und nach die Lichter in der Verkaufshalle ausgingen.
»Ich glaube nicht, dass die noch mal auftauchen. Die Zweibeiner hängen an ihrem Feierabend. Für sie noch immer die schönste Tageszeit. Und heute auch für uns …«, gurrte Norbert und flog euphorisch auf das Müsliregal zu.
Als gewiefte Stadttaube war es ihm ein Leichtes, die Packungen zu knacken. Gwen folgte seiner Krümelspur und staunte.
»Wow, ich habe echt nicht zu viel erwartet.«
»Oh ja«, schmatzte Norbert mit vollem Schnabel, während er die verschiedenen Geschmacksrichtungen für sich entdeckte.
Dieser Ort wirkte wie ein wahrgewordenes Glücksgefühl.
»Viel zu wenig Zeit, um alles zu erkunden«, gurrte Gwenn, als die Strahlen der Morgensonne durch die Schaufenster fielen.
»Bleiben wir noch eine Nacht?«, fragten die beiden synchron, als ihre Blicke sich trafen.
»Dumm gucken, klar denken«, gurrte Gwen. »Wird schon schiefgehen.«
Als der Laden seine Türen öffnete, versteckten die beiden sich innerhalb des quadratförmigen Schildes von Kasse Nummer fünf. Durch das Metallgestell im Inneren hatten sie Ausblick auf das Tagesgeschehen.
»Die Menschen sind schon verrückt, oder?«, flüsterte Gwenn.
»Hm?«, fragte Norbert, der seither am Dösen war.
»Na ich meine, guck sie dir doch an. Der eine hält alles auf diese Platte, bis es piep macht. Der andere wartet nur. Solange es nicht piep gemacht hat, fasst er es nicht an. Oh, warte. Es wird spannend. Eine alte Dame, die das passende Kleingeld sucht. Das bringt Leben in die Schlange.«
Während eine Frau nach der zweiten Kasse rief, verdrehte Norbert genervt die Augen.
»Nichts für ungut, aber hättest du etwas dagegen, mich ein wenig schlafen zu lassen? Du musst nicht unentwegt das Geschehen kommentieren. Es war eine lange Nacht, okay?«
»Und es wird ein langer Tag. Warum unterhalten wir uns nicht ein wenig?«, fragte Gwenn. »Ich weiß fast gar nichts über dich, Norbert aus dem Norden.«
»Also schön. Was willst du wissen?«
»Weißt du, bevor du kamst, war ich eine Außenseiterin. Die restlichen Tauben wollten nichts mit mir zu tun haben. Wie du schon sagtest – das liegt vermutlich nicht nur an meinem weißen Gefieder. Alle anderen verlassen mich immer, aber du bleibst bei mir. Du bist die coolste Taube, die ich je getroffen habe. Warum bist du ein Einzelgänger?«
»Selbstgewählt. Keine Ahnung. Habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht. In großen Taubenmassen fühle ich mich einfach nicht wohl. Ich folge lieber meinem eigenen Schnabel. Er brachte mich mit diesem Kuckuck zusammen. Er war ein wenig wie du. Naiv, neugierig und fasziniert von den Menschen.«
»Wo ist er jetzt?«, fragte Gwen.
»Ich hoffe doch, seinem Ziel einen Flügelschlag näher.«
»Und du? Hast du auch ein Ziel?«
»Seitdem ich hier angekommen bin, suche ich eigentlich nur meinen Lieblingslatz. Einen, an dem ich mich so richtig wohlfühle. Ich denke, den braucht jede Taube, die was auf sich hält. Einen Ort, der Vertrautheit und Ankommen in sich vereint.«
»Was ist mit dem hier?«, gurrte Gwen freudig. »Hier gibt es alles, was wir brauchen im Überfluss. Was willst du mehr?«
»Ich weiß nicht«, antwortete Norbert mit hängendem Schnabel. »Seit meiner Abreise frage ich mich, was dieses mehr eigentlich sein soll. Ich träume davon, seitdem ich meinen Schnabel das erste Mal über die Kante des Nestes streckte ... Was ist mit dir? Welche Träume schlummern unter diesen ausgebleichten Federn?«
»Eigentlich nur der eine. Ähnlich wie deiner. Irgendwo anzukommen. Teil von etwas zu sein und mich nicht an dessen Rande verstecken zu müssen. Selbst meine Eltern haben mich verlassen. Meine Federn warfen Fragen über die Vaterschaft auf. Sie trennten sich. Ich wurde als Waise in diesen Straßen groß. Eine Außenseiterin. Wie du …«
»Tut mir leid«, gurrte Norbert.
»Das muss es nicht. Seitdem du hier bist, geht es mir bereits besser«, sagte Gwen, während ihr müde die Augen zufielen.
Norbert beobachtete sie noch einige Zeit. War er dabei, sich zu … Nein, ausgeschlossen – beantwortete er die Frage wieder und wieder, bis auch ihm die Lider runterklappten.
Als es Nacht wurde, war das Buffet eröffnet. Sie fraßen sich durch die Regale und verschoben ihre Abreise immer weiter ins Morgen.
Tagsüber versteckten sie sich auf den Lüftungsrohren. Nachts gingen sie auf Erkundungstour. Zudem fand Norbert seinen Spaß daran, den Leuten hin und wieder etwas Unerwartetes in ihre Einkaufswägen zu schmuggeln.
Mit der Zeit dachten Gwen und er sich immer ausgefallenere Scherze aus. Sie liebten es, die Diskussionen zu verfolgen, die sich daraus ergaben. Manche Menschen reagierten mit Zorn, andere mit Humor. Einige fanden Streit, andere eine herzliche Begegnung. Und Norbert und Gwen – den Spaß ihres Lebens. Das ging eine ganze Weile gut, bis das Wachpersonal sich auf die Suche nach den nächtlichen Störenfrieden machte ...
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Hitchcock wurde langsam nervös. Er hatte Norbert seit Tagen nicht gesehen. Dabei hatte er Earl versprochen, auf den verrückten Tauberich acht zu geben.
»Was ist, warum bist du so komisch in letzter Zeit?«, fragte Toni.
»Ich mache mir Sorgen um Norbert. Es ist Tage her, dass ich ihn zum letzten Mal gesehen habe.«
»Nach all dem, was du mir erzählt hast, hat er seinen Lieblingsplatz wahrscheinlich gefunden.«
»Ich weiß nicht … Irgendwie habe ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Was ist, wenn er in Schwierigkeiten steckt?«
»Wozu Gedanken über ungelegte Eier machen? Suchen wir ihn doch einfach, wenn es dich beruhigt«, schlug Toni vor. »Was glaubst du? Wo könnte er sein?«
Hitchcock ließ die letzten Treffen Revue passieren und dachte instinktiv an den Supermarkt.
Als Toni und er auf dem Einkaufswagenhäuschen landeten, verfolgten sie durch die Schaufenster das Spektakel, das sich im Inneren abspielte.
Zwei Tauben auf der Flucht vor einer Meute von schweißroten Sicherheitsleuten.
»Heilige Vogelscheuche! Ich habe es doch geahnt«, fluchte Hitchcock, als er mitansah, wie Norbert und Gwen im Lüftungsschacht verschwanden.
»Warum ausgerechnet jetzt?«
»Was gedenkst du nun zu unternehmen?«, fragte Toni.
»Na was wohl – dem Schwachkopf die Federn retten …«
»Wie stellst du dir das vor?«
»Norberts oberste Regel lautet: Dumm gucken, klar denken. Manchmal vertauscht er es leider. Es hat ihn seine Unauffälligkeit gekostet, da reinzufliegen. Die Menschen werden jemanden schicken, der ihn dort rausholt. Das könnte unbequem werden. Tut mir leid, aber ich muss da rein. Ich kann verstehen, wenn du nicht …«
»Vergiss es, du lässt mich nie mehr allein. Ich komme mit dir«, fuhr Toni ihm über den Schnabel und folgte Hitchcock durch das Lager ins Innere des Supermarktes.
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Der Taubenschiss an der Frischetheke war dann doch zu viel. Der lockeren Lüftungsklappe sei Dank, hatten Norbert und Gwen ihre Verfolger abhängen können. Ihre Flucht führte sie immer weiter in den Lüftungsschacht, bis es so dunkel wurde, dass man kaum noch den Flügel vor Augen erkannte.
»Wo laufen wir überhaupt hin?«, fragte Gwen, als die Furcht vor der Dunkelheit sie bremste.
»Die Himmelsrichtung lautet – weg. Keine Ahnung, wo wir hier sind. Aber besser als bei denen.«
»I… ich kann nicht weiter. Ich kriege Platzangst«, gurrte Gwen aufgeregt.
»Beruhig dich oder willst du, dass sie uns finden?«
Gwen wurde schlagartig ruhig.
»Nein …«
»Na also, dann reiß dich zusammen. Wir kommen hier schon raus.«
»Und wenn nicht?«
»Daran zu denken, wäre den Weg nicht wert. Geduld, Ausdauer, Hoffnung hat dieser kleine Kuckuck immer gepredigt. Das Gesetz des Waldes oder so ähnlich. Ein ewiger Dreiklang, bliblablub. Die Waldis sind immer etwas theatralisch, aber ich schätze, da ist etwas dran.«
»Du vermisst ihn wirklich, oder?«
»Oh ja. Du würdest ihn mögen. Er ist wie wir. Ein Außenseiter. Ohne ihn hätte ich meine eigene Komfortzone niemals verlassen. Ich hätte nie mit dem Sturm getanzt oder …«
»Oder was?«, fragte Gwen.
»Dich kennengelernt. Aber ist ja auch egal. Jemand sagte mir mal, jeder Tag könne ein Abenteuer sein, wenn wir ihm nur die Chance dazu geben«, bemerkte Norbert, dem mit einmal bewusst wurde, dass er seinen Lieblingsplatz längst gefunden hatte. Diese innige Vertrautheit. Das Gefühl von – wo bist du all die Jahre gewesen? Ein Nachhausekommen, nicht nur im Geiste, sondern vor allem im Herzen. Dieser eine Platz auf der Welt, der ihm das Gefühl gab, angekommen zu sein. »Oh, was gingst du mir auf die Daunen«, gurrte er erheitert, als er an seine erste Begegnung mit Gwen zurückdachte. »Aber Taubendreck noch eins, die letzten Tage waren die besten meines Lebens. Seitdem ich hier ankam, hatte ich den Eindruck, dass mir etwas fehlt. Ich schätze, dieses etwas bist du. Und egal, ob wir hier rausfinden oder nicht. Ich werde dieses Abenteuer niemals bereuen …«
»Das werde ich auch nicht«, entgegnete Gwen, schmiegte ihren Hals an Norberts und folgte ihm weiter durch die Dunkelheit.
Die Sekunden wogen schwerer, mit jedem weiteren Schritt, den es sie hineinzog.
»Wie weit ist es noch?«, fragte Gwen ängstlich.
»Ich denke, nach der nächsten Kreuzung rechts könnte es besser aussehen als hinter der letzten«, antwortete Norbert kleinlaut.
»Und wenn nicht? Was ist, wenn wir hier für immer festsitzen?«, gurrte Gwen und erinnerte Norbert an Earl, der ihn dasselbe gefragt hatte, als sie im Vogelhaus festgesessen hatten.
»Zum Parkwächter noch eins, wem mache ich was vor? Ich habe keinen Schimmer, wo wir lang müssen … Meistens tue ich so, als hätte ich einen Plan, aber dem ist nicht so. Ich entscheide aus dem Bauch heraus und deshalb sitze ich jetzt in dieser misslichen Lage. Doch nicht allein. Und das gibt mir die Kraft nach vorne zu sehen.«
»Und was siehst du?«
»Hoffnung. Hier drinnen ist sie alles, was uns bleibt«, sagte Norbert und ging weiter voraus, bis Schritte vor ihnen zu hören waren. Er blieb über einem Lüftungsgitter stehen, das von unten Licht spendete und horchte in die Dunkelheit.
»Oh, wenn ich diesen Drecksschnabel erwische, kann er sich auf etwas gefasst machen!«, schallte es aus der Lichtleere.
»Bunter?«, rief Norbert zögerlich, als er einen Schatten auf sich zukommen sah.
»Norbert!«, krächzte Hitchcock freudig und sah für den Bruchteil einer Sekunde von seinem Groll ab. »Verdammt! Kann man dich nicht einmal aus den Augen lassen?!«
»Also wenn du mich fragst, nein«, gurrte Gwen verliebt.
»Zum Kuckuck, wer ist das denn?«, fragte Hitchcock und gab sich sogleich selbst die Antwort, als Gwen ins Licht trat. »Ah, ich verstehe.«
»Tja alter Freund, sieht aus, als hätte ich meinen Lieblingsplatz gefunden.«
»Also dieser hier wird definitiv nicht meiner. Sehen wir zu, dass wir hier rauskommen.«
»Ja, wir waren gerade auf dem Weg …«, gurrte Norbert. »In die Richtung, aus der du gekommen bist ... Geht es dort hinaus?«
»Keine Ahnung. Reingekommen sind wir wie ihr. Durch die lose Lüftungsklappe. Das ist eine Weile her. Wir wandeln seit Stunden durch die Schächte.«
»Wir?«, stutzte Norbert.
»Man ist nie zu alt, um ein Wunder zu erleben«, krächzte Hitchcock freudig, als Toni ins Licht trat und er die beiden miteinander bekannt machte.
»Wow. Ich habe echt das Gefühl, dich schon ewig zu kennen. Aus den Erzählungen des Bunten, nicht persönlich. Aber jetzt wahrscheinlich schon. Ach was solls, ich rede mich noch um Kopf und Feder. Norbert, sehr erfreut.«
»Ebenso«, entgegnete Toni. »Ich habe schon sehr viel von dir gehört.«
»Ich hoffe doch nur Gutes«, gurrte Norbert.
»In jüngster Zeit sehr durchwachsen«, schaltete Hitchcock sich dazwischen.
»Also – ihr wollt wissen, wie wir hier rauskommen? Dann hört gut zu. Wir bleiben genau hier, wo wir sind und rühren uns nicht von der Stelle.«
»Worauf willst du warten, Bunter?«, erwiderte Norbert wenig überzeugt. »Darauf, dass wir verhungern?«
»Nein – darauf, dass die Menschen uns hier rausholen.«
»Du meinst die, die uns durch den ganzen Markt gescheucht haben?«, fragte Norbert irritiert.
»Ja, genau die. Sie tun uns nichts. Wir müssen nur stillhalten. Sie werden uns lokalisieren und durch diese Klappe herausholen«, sagte Hitchcock mit einem Kopfschwenk auf die Wartungsluke.
»Du hast auf deinem Weg gesehen, wie die übrigen Vögel im Tiefkühlregal aussehen, ja?«, merkte Norbert an.
»Das hier ist etwas anderes, glaub mir. Ich habe lange genug bei den Menschen gelebt, um sie zu verstehen. Im Umfeld ihrer Taten halten sie sich für die Guten. Ein Wartungstechniker wird uns finden und nach draußen setzen.«
Norbert sträubte sich gegen den Plan, doch Hitchcock sollte Recht behalten. Wenige Stunden später öffnete sich die Luke. Die Sicherheitsleute kamen, schnappten die Eindringlinge mit Netzen und setzten sie vor die Tür. Ihren Lieblingsplatz im jeweils anderen Vogel gefunden, flogen die beiden Pärchen in den Park und läuteten freudig das Frühjahr ein.
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»Und dann?«, fragte das kleine Papageienküken mit großen Augen.
»Dann kamt ihr«, antwortete Norbert. »Und drehtet das Leben eurer Eltern gehörig auf links.«
»Und dann?«, fragte der kleine Papagei mit der Eischale auf dem Kopf.
»Lebten sie glücklich und zufrieden in diesem kleinen Park.«
»Und dann?«, fragte Gwenn, als sie neben dem Papageiengelege landete und ihren Hals an Norberts rieb.
»Kein und dann. Das Abenteuer lauert im Augenblick. Fühlt euch nie zu klein dafür, Kinder. Ansonsten wartet ihr am Ende noch so lange wie euer Vater darauf, euer Glück zu finden. Vergesst niemals die oberste Taubenregel – dumm gucken, klar denken – und niemand wird euch aufhalten.«
»Vorausgesetzt ihr habt Freunde, die darauf aufpassen, die beiden Grundsätze nicht zu vertauschen«, krächzte Hitchcock, der mit Toni dazukam.
»Wir hätten das auch ohne dich geschafft, Bunter.«
»Aber sicher doch.«
Norbert blickte nachdenklich zum Himmel.
»Das Frühjahr naht. Glaubst du, er wird kommen?«
»Was wäre es ohne den Frühlingsboten?«, entgegnete Hitchcock zuversichtlich.
»Vermutlich wie ein Tag ohne Frühstück«, gurrte Norbert, als sein Magen sich bemerkbar machte.
Er verabschiedete sich und flog zum Brunnen der Marktkirche. Gwen wäre mitgekommen, war jedoch mit dem Nestbau beschäftigt. Norbert hätte ihr geholfen, doch laut ihrer Aussage hatte sein ´Mitanpacken´ dieselbe Wirkung, wie wenn zwei weitere losließen. Wer hätte gedacht, dass auch dieser Tag ein neues Abenteuer mit sich bringen würde? Denn während Nobert sich unter Kindergeschrei auf eine fallengelassene Eiswaffel stürzte, hörte er einen vertrauten Ruf.
»Kuckuck, Kuckuck!«
Was zuvor geschah:
KUCKULORES
[ROMAN]
-WEITERE AUSSICHTEN-
ÜBER DEN AUTOR
Timo Schartner - Vollzeitträumer und Teilzeitphilosoph. Ein Phantom zwischen den Zeilen. Jede Geschichte beginnt und endet mit einem einfachen Schritt.
ZWISCHEN DEN WERKEN
Von der ersten Idee bis zur fertigen Geschichte liegt ein langer und steiniger Weg.
BÜCHER
Empathischer Erzählton, poetische Stimme. Zwischen Lyrikbänden und Romanen.
KURZPROSA
Kurzgeschichten und Textfragmente.
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Gedichte, Gedanken und Wortmalereien aus den Tagebüchern eines Träumers.
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