ELIJAH
[KURZGESCHICHTE]
Die Nacht ist seine Heimat,
die Träume ihre Sprache.
Elijah war eine eigensinnige Seele. Er war Leuchtturmwärter und Schlosser des nahen Küstendorfes. Ein Eigenbrötler, dem das gesellschaftliche Geschehen so fern lag wie die Aussicht darauf, jemals seinen Platz darin zu finden.
Wann immer er den Leuchtturm verließ und in das Dorf einkehrte, fühlte er sich in ein Kostüm gezwängt. Dieses melancholische Gefühl, sich unter Leuten einsam zu fühlen. Denn auch wenn die Dorfbewohner ihn respektierten und seine Arbeit schätzten, blieb er der Eremit aus dem Leuchtturm. Aufgrund seiner Tätigkeit nannten sie ihn den Schlüsselmeister.
Es war, als würde er diesen Teil seines Wesens verstecken, der ihn von allen anderen trennte. Die Dunkelheit – und gleichzeitig auch das Licht, das in ihr verborgen lag.
Wenn des Nachts das Lichthaus entzündet war, begann Elijah zu schreiben. Inspiriert durch die Melancholie seines abgeschiedenen Daseins hatte er die literarische Figur des Schlüsselmeisters erschaffen. Ein Traumhirte, der über die schlafenden Seelen wacht und ihnen Hoffnung spendet. Die Hoffnung, nach der er sich sein Leben lang gesehnt hatte.
Elijah war nicht immer allein gewesen. Er heiratete in jungen Jahren. Die Tochter eines Fischers, ihr Name war Nora. Sie sah etwas hinter der kauzigen Fassade des Leuchtturmwärters, das die anderen nicht sahen. Das Licht, das er vor dem Rest der Welt versteckt hielt und nur in seinen Zeilen zum Ausdruck bringen konnte.
Für eine Weile erlöste Nora ihn von der Einsamkeit – doch nicht von Dauer. Elijah liebte sie, aber mehr noch die Schreiberei. Ein Ort, an den Nora ihm niemals folgen konnte. Die welke Frucht einer Jungendliebe, die im Grau des Alltags verkümmerte. Eine schleichende Entfremdung, bis sie nur noch eines miteinander verband – die Einsamkeit in ihren Herzen. Elijah verlor sich in seinen Traumwelten und Nora zerbrach daran. Eines Tages konnte sie die Stille des Leuchtturms nicht länger ertragen und ging fort.
Elijah ließ sie gehen. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Liebe. Er wusste, dass er die Leere in ihrem Herzen nicht füllen konnte. Sie sehnte sich nach Geselligkeit, Romantik und weltlichen Sinnesfreuden. Dinge, die Elijah ihr nie hätte geben können.
Die Einsamkeit des Leuchtturms erdrückte ihn mancher Tage. Doch sobald er in die literarischen Traumwelten des Schlüsselmeisters eintauchte, fühlte er sich frei.
Wir alle werden mit einer Melodie im Herzen geboren. Elijahs erklang dadurch, seine Gedanken in Tinte zu kleiden. Die Fantasie war sein Notenschlüssel, die Leidenschaft ihr Klang. Er wollte etwas erschaffen, das sein eigenes Dasein übersteigt. Ein Buch, das alle Zeiten überdauert. Ein Funken Ewigkeit, gebündelt in Tinte.
Heraufbeschworen in einer Nacht, die schwärzer war als die Finsternis selbst. Der Sturm heulte düstere Lieder auf der Außenwand des Leuchtturms und peitschte den Regen gegen die Fenster. Das Krachen des Donners war bis in die Knochen spürbar.
Elijah saß im flackernden Schein der Öllampe an seinem Schreibtisch und schrieb, als würde sein Leben davon abhängen. Vielleicht tat es das auch. In jener rauen Gewitternacht glaubte er, dem Ende seiner Geschichte nahe zu sein. Unwissentlich, dass seine eigene kurz vor einer schicksalhaften Wendung stand.
Auf dem Küchentisch hinter ihm lag noch immer Noras Abschiedsbrief. Obwohl ihre Abreise Monate her war, las er ihn täglich, wann immer er sich ihr nahe fühlen wollte. Er vermisste sie, doch mehr liebte er die Vorstellung, dass sie irgendwo dort draußen ihr Glück gefunden hätte. Ein verrückter Gedanke – er hatte sie gehen lassen. Vielleicht war sie die Liebe seines Lebens.
Mit jedem Donnern wurde er an sie erinnert. Hätte er sie aufhalten sollen? War es zu spät?! Seine Gedanken rissen urplötzlich ab.
Ein ohrenbetäubendes Krachen schallte durch den Turm.
Für einen kurzen Moment wurde es taghell.
Der Blitz schlug ins Lampenhaus und funkte am Geländer der Wendeltreppe hinunter.
Die Funken fuhren in Elijah, durch die Feder in das Buch, auf deren Seiten sich ein tiefschwarzer Abgrund auftat.
Die Buchstaben drumherum zerschmolzen und tropften in die Dunkelheit. Mit schreckgeweiteten Augen bemerkte Elijah, wie es auch in hineinzog.
Die Wirklichkeit über ihm wurde immer kleiner, als würde er sie durch ein Schlüsselloch betrachten. Um ihn herum war das Nichts, er selbst im freien Fall. Seine Gedanken flossen dahin, bis sie zu einem leisen Rauschen verschwammen. Sekunden wurden zu Stunden, zerrannen zur Ewigkeit und raubten ihm jedwedes Zeitgefühl. Die Unendlichkeit drohte ihn zu verschlingen.
Er stürzte in die Tiefe, bis der Fall plötzlich endete. Einen Wimpernschlag später befand er sich auf der Klippe vor dem Leuchtturm. Es war so still, dass er seinen Herzschlag hören konnte – er stoppte.
Elijah hatte das Gefühl, innerlich zu erfrieren. Die Szenerie wirkte wie ein Negativ der Wirklichkeit. Am Fuß der Felsen war nicht etwa das Meer, sondern die Weite des Alls. Sterne und bunt leuchtende Galaxien. Das Gestein der Klippen war pechschwarz. Hoch oben thronte der Leuchtturm wie ein stiller Wächter vorm leuchtenden Vollmond.
Elijah ging darauf zu. Die rote Eingangstür stand offen. Dahinter erwartete ihn das Nichts. Beklemmende Schwärze. Ein stummes Flüstern zog ihn in die Dunkelheit. Eine unvertraut vertraute Stimme. Sie hallte in seinem Kopf, als wäre sie ein eigener Gedanke.
»Ein Bund zwischen Raum und Zeit – du und ich, nimmermehr entzweit«, verkündete sie.
»Wer bist du?«, fragte Elijah und bemerkte, dass er dafür nicht sprechen brauchte.
»Dein größter Segen, Schatten als auch Fluch. Ich bin du und du bist ich. Ich bin das Buch. Ein Echo der Unendlichkeit. Ein Wunsch, der nach Erfüllung schreit.«
»Was für ein Wunsch?«
»Ein Buch zu erschaffen, das alle Zeiten übersteht, ein ewiger Traum, der alles überlebt ...«
Plötzlich begann die Erde zu beben. Die Wände des Leuchtturms wackelten, Putz bröckelte von der Decke, die sich hoch oben in der Dunkelheit nur erahnen ließ.
»Die Nacht ist deine Heimat, die Träume ihre Sprache. Du bist der Schlüsselmeister, von heute an für alle Tage. Solange Wünsche in Sehnsucht gedeihen, wirst du unsterblich sein. Die Nacht gehört dir, der Morgen ist mein. Du solltest nach ihr sehen, wir sind nicht mehr allein.«
Elijah spürte eine Präsenz. Er sah durch den Türspalt nach draußen und traute seinen Augen kaum.
»W… was? Wie ist das möglich?«
»Eine Träne voller Sehnsucht öffnet den Kreis, ein Herzenswusch – doch zu welchem Preis?«
Ich gehöre ihr,
heute und für alle Tage.
Elijah war verschwunden und das Licht des Leuchtturms erloschen. Die Leute redeten, doch mit der Zeit war es ihnen einerlei. Die aufkommenden Industrien des 19. Jahrhunderts verlegten die Schifffahrtsrouten, sodass der Leuchtturm auf den schwarzen Felsen an Bedeutung verlor.
Einige sagten, Elijah habe die Insel verlassen, andere waren der Meinung, er sei verstorben. Der Leuchtturm verkam mit den Jahren, denn abgesehen von Nora, hatte Elijah niemanden gehabt. Niemanden, den er nah genug an sich herangelassen hätte, um eine Brücke der Zwischenmenschlichkeit zu schaffen.
Nora war inzwischen eine alte Frau geworden. Sie hatte lange Zeit in der Stadt gelebt. Anfangs war es erfrischend, vitalisierend im Kontrast zur Einsamkeit des Leuchtturms. Sie heiratete erneut. Einen reichen Händler aus Longford. Er führte sie in gehobenere Kreise und gab ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Bis sie älter wurde und ihr Gemahl sich vor Fleischeslust in jüngeren Affären verlor.
Eine Zeit lang versuchte Nora, darüber hinwegzusehen. Doch ewig konnte sie sich nicht belügen. Die Stadt wurde ihr zu laut, frevelhaft und unvertraut. Sie verließ den treulosen Kaufmann und zog aufs Land. Dort lernte sie ihren dritten Ehemann kennen. Einen Viehhirten, der sich nach der großen Kartoffelfäule auf Schafe spezialisiert hatte. Er war nicht besonders redselig und roch wie sein Tier, aber er hatte ein warmes Herz.
Bis zu seinem Tod tat er alles, um Nora ein gutes Leben zu ermöglichen. Sein letzter Wille war es, dass seine Asche über dem Meer verstreut wird. Er hatte es nie mit eigenen Augen sehen können. Nora wollte es ihr Leben lang vergessen. Dennoch wusste sie, dass dafür nur ein Ort infrage kam. Das Küstendorf, in dem sie aufgewachsen war. Sie kehrte dorthin zurück und verstreute seine Asche über dem Atlantik.
Das Dorf hatte sich kaum verändert. Manche waren gestorben, andere fortgegangen, doch der miefige Fischgeruch auf den Straßen war noch immer derselbe. Als Nora von den Gerüchten um Elijahs Verschwinden hörte, machte sie sich Sorgen. Man munkelte, der Blitz sei in jener Nacht im Lichthaus eingeschlagen. Der Wachtmeister erzählte ihr, dass er am darauffolgenden Morgen die Tür öffnen ließ, um nach dem Rechten zu sehen. Es gab keine Hinweise auf einen Blitzeinschlag oder den Verbleib des Leuchtturmwärters. Seither ward er nie wieder gesehen.
Nora machte sich Sorgen. Sie beschloss, ihren Aufenthalt zu verlängern und dem Leuchtturm einen Besuch abzustatten. Seit der Scheidung hatte sie nichts von Elijah gehört. Manchmal bedauerte sie es, doch der Bruch war wichtig gewesen. Ansonsten hätte sie ihn niemals vergessen können …
Während sie den Klippenpfad zum Leuchtturm hinaufschritt, überkam sie eine schwermütige Nostalgie. Die Erinnerung an das, was war und das, was es niemals wurde. Der Duft des Salzwassers in der Nase, die kühle Brise auf der Haut – es war wie ein stilles Nachhausekommen, den verwilderten Vorgarten zu durchqueren und auf die schwere Eichentür zuzugehen. Der rote Lack blätterte, ihr Schlüssel passte noch immer.
Der Leuchtturm war verlassen. Abgesehen von den Spuren der Zeit sah es im Inneren noch genauso aus wie an dem Tag, an dem sie gegangen war. Diese befremdliche Vertrautheit lähmte sie. Ihr wurde klar, wie viel Zeit seitdem vergangen war. Sie hatte sich verändert. Sie war nicht dieselbe Nora, die damals hier lebte und trotzdem fühlte sie sich ihr nah, während ihr Herz sich wehmütig an die Vergangenheit dieses Ortes klammerte.
Sie stellte ihren Rucksack ab und begann aufzuräumen. Es kam ihr verrückt vor, aber half dabei, einen klaren Gedanken fassen zu können. Mit jedem Gegenstand, den sie entstaubte, erinnerte sie sich an dieses Märchen zurück, dessen Spuren hier unter Staub, Dreck und Spinnweben verborgen lagen. Der Schatten einer Vergangenheit, von der sie sich keine Zukunft versprochen hatte.
Sie hatte den Neuanfang gewagt. Etliche Male. Durch ihr offenes Wesen fand sie überall Anschluss. Dennoch hatte sie nie wieder einen Menschen kennenlernt, der sie auf dieselbe Art lieben konnte, wie Elijah es getan hatte. Im Frühling ihres Lebens. Nun war es Herbst. Dieser idealistische Träumer war ihr gefolgt, wohin sie auch ging. Sie hatte ihn verdrängt. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Ihr Haar war grau und ihr Herz schwer. Sie hatte gehofft, ihren Lebensweg auch ohne ihn zu finden. Sie folgte immer ihrer Intuition. Nun war sie hier. An diesem Ort, der ihr und diesem schrulligen Leuchtturmwärter einst ein Zuhause bedeutete, um die Asche eines Mannes zu verstreuen, den sie nie so lieben konnte, wie sie ihn geliebte hatte.
Außer dem Buch auf dem Schreibtisch hatte er nichts hinterlassen. Es wirkte unberührt. Nicht ein Staubkorn verunreinigte den Umschlag. Nora kam ins Grübeln. Wieso hätte er es zurücklassen sollen? Sie ging darauf zu und durchblätterte die Seiten. Zu ihrer Verwunderung waren sie leer. Alle bis auf die erste. Ein Gedicht stand darauf.
Wir sind die Summe
unserer Entscheidungen,
derer, die wir trafen
und jener, die wir verwarfen.
Kinder der Nacht,
vor der Sonne versteckt,
jagen Träumen nach,
bis der Morgen uns entdeckt.
Während Nora die Zeilen las, sah sie Elijah vor sich am Schreibtisch sitzen. Wie oft hatte sie ihn dafür verflucht – dieses nachtträumerische Wesen, das immer aus ihm sprach, wenn er in seine Fantasiewelten abtauchte – wie sehr hatte sie ihn dafür geliebt?
Sie lächelte beim Gedanken an all die sorglosen Jahre, die sie hier in der Einsamkeit des Turms verbracht hatte. Sie war ihr entkommen. Nun war dieser Ort eine Ruine und Elijah verschwunden.
Mit weichen Knien sackte Nora auf seinen Stuhl. Sie griff zur Feder und klagte dem Buch ihr Leid. Sie schrieb, als wären diese Worte für Elijah bestimmt. Nichts wünschte sie sich sehnlicher, als dass er in diesem Augenblick bei ihr wäre. Eine Träne kullerte dabei an ihrem Kinn hinunter, traf auf die Tinte und sog in die Seite ein ...
Im Gestern und im Morgen,
niemals hier.
Nora krampfte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Im nächsten Moment stand sie vor dem Leuchtturm. Die Sterne strahlten am pechschwarzen Himmel. Etwas stimmte nicht. Die Umgebung wirkte wie ein verzerrtes Abbild der heimischen Küste. Ihr war kalt und warm zugleich. Es war so still, dass sie ihr Herz schlagen hörte. Es raste.
Die Tür des Leuchtturms stand offen. Sie knarrte. Ein Mann mit schwarzem Mantel und Zylinder trat daraus hervor. Seine schulterlangen Haare leuchteten silbern im Mondschein.
»E… Elijah?«, fragte Nora ungläubig.
»W… was machst du hier?«, fragte der verschollen geglaubte Leuchtturmwärter. »Du bist alt geworden. Wie lange ist es her, dass wir uns das letzte Mal begegnet sind?«
»Ein halbes Leben …«, antwortete Nora und schluckte. Elijah war keinen Tag gealtert. Nur sein Haar hatte an Farbe verloren. Es war so glitzernd weiß, wie Spinnweben im Sonnenlicht. Sie erinnerte sich daran, kurz zuvor in das Buch geschrieben zu haben. »Passiert das hier wirklich? Wo warst du? Wo sind wir hier?«
»In einem Traum, der niemals endet. Das Buch und ich sind eins. Ich kann es hören … Ich kann es spüren. In meinen Gedanken. Ich habe es erschaffen, doch etwas anderes hat es zum Leben erweckt«, bemerkte Elijah und strich über Noras nasse Wange. »Eine Träne voller Sehnsucht ...«
Er zerrieb den Tropfen zwischen seinen Fingern und formte einen Schlüssel daraus.
»W… was … wie?«, fragte Nora verdattert.
»Du bist mit dem Buch verbunden. Genau wie ich … Wenn du morgen früh aufwachst, wird dein Wunsch in Erfüllung gehen.«
»Mein Wunsch?«
»Ich wünschte, du wärst wieder hier … Ich wünschte, ich könnte die Zeit vierzig Jahre zurückdrehen«, zitierte Elijah eine der Zeilen, die Nora in das Buch geschrieben hatte.
»D… du meinst, dieser Wunsch wird ab morgen Wirklichkeit werden?«
»Ja … uns bleibt nur eine Nacht, seinen Ursprung zu ergründen«, sagte Elijah und blickte auf den Schlüssel, den er aus der Träne geformt hatte. »Das Buch ernährt sich von Sehnsucht. Es ist in der Lage, seinem Besitzer alle Wünsche zu erfüllen. Jeder Wunsch erzeugt einen Schlüssel, der konserviert, was ihn erschuf. Dieser hier ist deiner.«
Er trat auf die Tür des Leuchtturms zu und öffnete sie mit Noras Schlüssel.
Sie gingen hinein und befanden sich im Inneren des Leuchtturms, zu Zeiten jener Gewitternacht, in der der Blitz einschlug.
»Was ist das hier? Ist das schwarze Magie?«, fragte Nora betreten.
»Wer weiß … Ein Hauch von Magie, ein Moment voller Schicksal oder einfach nur ein blöder Zufall«, flüsterte Elijah und blickte ehrfürchtig zum Lampenhaus hinauf. Der Blitz schlug ein. Das Krachen ging ihm in Mark und Knochen über. »In dieser Nacht wurde ich eins mit dem Buch.«
Sie beobachteten das Schauspiel aus sicherer Entfernung und sahen mit an, wie Elijah mit dem Buch verschmolz.
Kurz darauf vergingen die Tage im Zeitraffer, bis Nora als alte Frau in den Leuchtturm zurückkehrte.
»Ich stürzte in die Unendlichkeit, bis ich nicht einmal mehr meinen Namen wusste ...«, erinnerte Elijah sich schmerzlich zurück. »Deine Träne erweckte das Buch zum Leben. Es hat dich auserwählt …«
»D… du warst also die ganze Zeit über hier?«, fragte sie, als sie auf abstrakte Weise zu verstehen begann, was geschehen war. »Gefangen in diesem Buch? All die Jahre … Wie einsam muss das sein? Wie konnte das passieren? Wäre ich doch nur für dich da gewesen …«
»Dann hättest du die Chance auf dein eigenes Leben verpasst ... Dieses Buch hat die Macht, Raum und Zeit zu überwinden, Realitäten zu verändern und Träume wahr werden zu lassen. Schon morgen wird es dich auf die Probe stellen. Du wirst alles vergessen haben. Diese Nacht, den Tag davor, dein bisheriges Leben. Du wirst aufwachen und die Welt um dich herum als gegeben ansehen.«
»Und du?«
»Ich werde bei dir sein … Nicht als der, der ich jetzt bin. Sondern als der, an den du dich erinnerst. Aber lass dich gewarnt sein. Dieses Buch ist Fluch und Segen zugleich – jeder Wunsch hat seinen Preis«, sagte Elijah und trat zurück.
Alles um Nora herum wurde schwarz.
Vor wem flüchte ich?
Vor dir oder vor mir?
Als Nora am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich federleicht. Keine Schmerzen im Kreuz, keine Schwere im Herzen – nur Leichtigkeit, sobald sie an ihre Seite blickte und Elijah dort schlafen sah. Ihr Wunsch hatte sich unwissentlich erfüllt. Sie waren wieder jung. Die Hoffnung des Lebens, das hätte sein können. Das Buch war verschwunden und Nora hatte vergessen. Die Nacht mit Elijah – oder dem Schlüsselmeister, wie er sich fortan nannte – alles, was zuvor geschahen war.
Es war wieder Frühling. Jene Zeit im Leben, in der einem die Endlichkeit noch unwirklich erscheint. Sie war von Harmonie und Zweisamkeit geprägt. Abend für Abend beobachteten Nora und Elijah, wie die Sonne hinter dem Meer verschwand. Solange, bis die Sterne ihren Platz einnahmen. Wenn es so weit war, begann Elijah zu schreiben.
Seine Liebe zu Nora war ihm die größte Inspiration. Die kommenden Wochen durchlebten sich wie ein Märchen zu dem Zeitpunkt, an dem es heißt: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Dennoch überkam Nora hin und wieder dieses drückende Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Dieses stille Flüstern der Vergänglichkeit, das sich nicht unbegründet in ihr Herz schlich. Denn mit jedem weiteren Tag, der verging, vergaß Elijah einen beliebigen seiner Vergangenheit.
Nora erkannte ihn kaum wieder. An dem Tag, an dem er die Leidenschaft zu schreiben verlor, ging er daran zugrunde. Er wirkte wie eine leere Hülle, saß nur da und starrte die Wand an.
Die Einsamkeit des Leuchtturms wurde für Nora zur Sickergrube. Als sie eines Tages am Strand spazieren ging, wurde ihr weinendes Herz erhört. Die Wellen spülten ein Buch an Land. Es war leer. Lediglich ein Gedicht befand sich auf der ersten Seite des ledern eingefassten Treibguts.
Wir sind die Summe
unserer Entscheidungen,
derer, die wir trafen
und jener, die wir verwarfen.
Kinder der Nacht,
vor der Sonne versteckt,
jagen Träumen nach,
bis der Morgen uns entdeckt.
Die Worte machten etwas mit Nora. Sie nährten den tief vergrabenen Samen einer Erinnerung. Noch ehe sie einen klaren Gedanken fassen konnte, erschien ein Schriftzug auf der nächsten Seite.
Was ist es, was dein Herz am meisten begehrt?
Was ist es, was ihm diesen Wunsch verwehrt?
Während Nora die Worte las, erinnerte sie sich. Das Buch, Elijah – ihr Wunsch. Sie rannte aufgeregt zum Leuchtturm zurück, tauchte die Feder in Tinte und schrieb drauf los.
Himmel, Arsch und Wolkenbruch – es hat tatsächlich funktioniert! Oder auch nicht … Elijah ist nicht mehr derselbe. Du musst es aufhalten!
Das Buch antwortete.
Was du dir gewünscht hast, habe ich dir gegeben.
Den Preis dafür bestimmt das Leben.
Nora ballte wütend die Faust, ehe sie weiterschrieb.
Ich wollte die Zeit zurückdrehen. Eine zweite Chance … Das Leben, das hätte sein können. Es ist wenig lebenswert, wenn Elijah dadurch vergisst, wer er ist. Ich wünsche mir, dass er dieses verdammte Buch niemals erschaffen hätte. Dass alles so ist, wie vor jener Gewitternacht.
Nora setzte den Stift ab und sah wehmütig zu Elijah, der regungslos in seinem Bett lag und leeren Blickes die Wand anstarrte.
Das Buch antwortete.
Unmöglich, wir sind eins – ein Fixpunkt der Zeit, die Verbindung bleibt, solange Sehnsucht die Seelen umtreibt.
So frage ich erneut;
Was ist es, was dein Herz am meisten begehrt?
Was ist es, was ihm diesen Wunsch verwehrt?
Nora tauchte die Feder ins Tintenfass und hielt kurz inne, ehe sie ihren Gedanken freien Lauf ließ.
Mein Leben lang wollte ich glücklich sein. Dabei wusste ich nie, wie es aussehen sollte – dieses Glück. Vermutlich immer anders als das, was ich gerade hatte ... Sehnsucht. Im Moment sehne ich mich nur nach dem Mann, der mir Zeit meiner Jugend dieses Glück bedeutete. Bitte! Wenn es einen Weg gibt, Elijah aus diesem Buch zu befreien, dann verrate ihn mir!
Nora stockte der Atem. Unruhig wartete sie auf eine Antwort.
Nur ein Herzenswunsch vermag es,
den Fluch zu brechen.
Eine Träne, frei von Sehnsucht,
ein uneigennütziges Versprechen.
Nora schrieb zurück.
Also gut – uneigennützig. Dann wünsche ich mir, dass Elijah dieses Mal nicht vergessen wird. Wir setzen dort an, wo es anfing. Er wird dieses Buch verlassen haben und mich an dem Tag im Leuchtturm empfangen, an dem ich es gefunden habe.
Das Buch antwortete.
So soll es sein, schlafe ein und der Morgen wird dein …
Sehnsucht – ein Begehren,
fern des Augenblicks.
Nora war sich im Klaren, dass sie träumte. Sie hatte diesen Ort schon einmal gesehen. Der Leuchtturm am Rande des Weltalls. Elijah stand an der Klippe und starrte in sich selbst versunken der Unendlichkeit entgegen.
»Was glaubst du, wie viele Sterne es sind?«, fragte er, als Nora an ihn herantrat.
»Viele. Was spielt das für eine Rolle?«
»Wie lange vermag es ein einzelner, das Licht aller zu tragen«, flüsterte Elijah und blickte andächtig auf den Schlüssel des ersten Wunsches, den er seit jener Nach an einer Halskette trug.
»Nicht mehr lange«, entgegnete Nora. »Ich habe dich hier rausgewünscht.«
Elijah lächelte wehmütig in sich hinein. Er griff in den Himmel, pflückte einen Stern und formte ihn zu einem bronzenen Schlüssel.
»Ja … Wunsch Nummer zwei.«
»Warum sagst du das so eigenartig? Ab morgen wird es vorbei sein. Freust du dich nicht?«
»Du hast das Buch gehört. Ich kann nur durch einen Herzenswunsch befreit werden, der frei von Sehnsucht ist. Dieser ist es nicht«, seufzte Elijah und blickte auf den Schlüssel in seiner Hand. »Ich spüre, dass sie in dir brennt. Du vermisst mich … uns. Doch dieses uns ist nichts weiter als eine Vorstellung. Ein beschönigtes Abbild der Vergangenheit. Der Gedanke an ein Was-wäre-wenn.«
»Ein beschönigtes Abbild der Vergangenheit? Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?«
»Nein. Ich habe dich geliebt und tue es noch immer«, sagte Elijah. Seine Augen ertranken im Schwarz der Tränen, die sich in ihnen anreicherten, während er lächelnd zu Nora aufsah. »So sehr, dass ich mir wünschen würde, dass du dieses Buch niemals gefunden hättest. Du musst dich davon trennen. Verbrenn es, wirf es die Klippe hinunter und lebe dein Leben …«
»Alles, was ich mir noch davon erhoffe, ist mit dir alt zu werden. In diesem Leuchtturm. So wie wir es uns damals immer erträumt haben …«
»Vielleicht wäre es mein größtes Glück gewesen … Aber es war dein Traum, zu groß für mich, um ihn zu sehen – zu unerreichbar, um ihn zu leben. Ich lebte stets den Augenblick, ohne zu begreifen, wie kostbar er in Wahrheit ist. Nun stehen wir hier und du bist dabei, dich in diesem Buch zu verlieren … Genau wie ich. Mache nicht denselben Fehler.«
»Mit wem schreibe ich da überhaupt? Bist du es oder das Buch?«
»Wir sind eins«, sagte Elijah und strich sich durch eine Furche im Gesicht. Ein unscheinbarer Riss, der seit dem letzten Wunsch entstanden war. Die Haut darum war so blass wie der Vollmond über den Klippen.
»Nein. Wenn ich morgen aufwache, werde ich zum Leuchtturm gehen und du wirst frei sein.«
»Ich werde da sein, aber werde ich auch frei sein? Jeder Wunsch hat seinen Preis. Sehen wir uns an, was sich hinter diesem Schlüssel verbirgt«, sagte Elijah.
Er schmiss den Schlüssel in seinen Zylinder und reichte Nora die Hand. Noch ehe sie begreifen konnte, was geschah, sprang Elijah mit ihr hinein.
Nach einem kurzen Augenblick des freien Falls, befanden sie sich im Leuchtturm. Sie beobachteten, wie Elijah auf dem Bett saß, und die Wand anstarrte. Nora hockte selbstmitleidig am Küchentisch. Es war der Tag, bevor das Buch an den Strand gespült wurde.
»Jeder Wunsch hat seinen Preis«, seufzte Nora, beim Anblick der Szene.
»Warum zeigst du mir das hier? Willst du mir damit sagen, es gibt wieder ein Aber?«
»Das wird es immer geben … Das Buch ernährt sich von Sehnsucht. Ich liebe dich, Nora – der Teil in mir, der an Elijah festhält. Jeder weitere Wunsch entfernt mich davon. Du musst mich vergessen und dieses Buch loswerden … Nur so kannst du dem Fluch entkommen.«
»Und du? Wirst dann auf ewig darin herumgeistern?«
»Das Buch hat es prophezeit: Die Nacht ist meine Heimat, die Träume meine Sprache, ich bin der Schlüsselmeister, von heute an für alle Tage ... Ich werde sein, wozu ich berufen wurde. Ein Phantom der abklingenden Nacht. Ein Traumhirte, der über die Schlafenden wacht.«
»Nein!«, erwiderte Nora entschlossen. »Du bist Elijah. Meine Jugendliebe, mein verrückter Träumer und Leuchtturmwärter. Wir werden uns wiedersehen – das verspreche ich dir. Ich werde nichts unversucht lassen und dich aus diesem Buch befreien.«
»Gewiss, aber zu welchem Preis? Solange die Sehnsucht in dir brennt, wirst du nie einen Wunsch äußern können, der mich befreit. Ich hoffe, dass ich mich irre. Und wenn nicht, wird das Buch dich finden«, sagte Elijah und verschmolz mit der Dunkelheit.
Alles um sie herum wurde schwarz.
Schatten, der das Licht erstickt.
Am nächsten Morgen wurde Noras Wunsch Wirklichkeit. Sie hatte vergessen und erwachte an dem Tag, an dem sie vorhatte, den Leuchtturm zu besuchen. Dort traf sie auf Elijah. Er war ein alter Mann geworden – grau, verbittert, aber reflektiert. Nach all den Jahren hatten sie sich viel zu erzählen. Ein Aufleuchten des Spätherbstes, den sie sich versprachen, miteinander zu verbringen. Sie bemerkten, dass das, was sie verband, stets stärker war als das, was sie trennte.
Das Glück der Zweisamkeit überdauerte mehrere Jahre. Doch auch dieser Wunsch hatte seinen Preis. Nun war es Nora, die zu schleichend zu vergessen begann. Momente, Begegnungen, Menschen. Als sie Elijah vergaß, zog es den verfluchten Leuchtturmwärter in das Buch zurück.
Nora erdrückte die Einsamkeit der Küste, sie verlor beinahe den Verstand. Im Nebel des Vergessens verschmolzen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem Irrlicht voller Sehnsucht. Inmitten dieses Delirs begann sie sich zu erinnern. An Elijah, den Schlüsselmeister und das Buch. Es lag vor ihr auf dem Schreibtisch. Sie schlug es auf und schrieb wütend ihren Frust nieder.
Ein Herzenswunsch hast du gesagt. Ist es etwa kein Herzenswunsch, den Rest meines Lebens mit dem Mann verbringen zu wollen, der zwischen diesen Seiten gefangen ist?!
Sie starrte mit Tränen in den Augen auf die Seite und wartete auf eine Antwort, die sich kurz darauf von Geisterhand auf das Papier schrieb.
Es braucht eine Träne,
frei von Sehnsucht,
ein uneigennütziges Versprechen.
Ein Herzenswunsch,
frei von Vergessen.
Noras Tränen tropften auf das Papier.
Ich habe so viele davon, jetzt gib mir doch bitte meinen Mann zurück …
Das Buch schrieb zurück.
Dem Glück so nah, dem Glück so fern,
im Dunkel der Nach verglimmt ein einsamer Stern.
Was ist es, was dein Herz am meisten begehrt?
Was ist es, was ihm diesen Wunsch verwehrt?
Nora antwortete.
Was ich möchte, ist, mit Elijah zusammen zu sein. Ihn aus diesem Buch zu befreien. Vermutlich stehe ich mir dabei selbst im Weg. Es tat weh, ihn ein weiteres Mal zu vergessen. Wahrscheinlich wäre es uneigennützig, mir zu wünschen, dass wir uns nie kennenglernt hätten. Aber das kann ich nicht und ich glaube kaum, dass es Elijah davon abhalten würde, dieses Buch zu erschaffen. Ein Fixpunkt der Zeit hast du gesagt ... Was ist schon fix? Ich wünsche mir, dass ich in jener Gewitternacht bei ihm gewesen wäre, um ihm zu helfen …
Nora setzte die Feder ab und wartete unruhig auf eine Antwort.
Die Nacht kennt Geheimnisse,
von denen der Tag nichts weiß,
schlafe ein und der morgige wird deins …
Kinder der Nacht,
vor der Sonne versteckt.
»Und so stehen wir wieder hier …«, sagte Elijah, als er Nora in der Nacht darauf im Traum begegnete.
»Was glaubst du, wie lange kann das noch so weitergehen?«, fragte Nora und schluckte aus Angst vor der Antwort.
»Ewig, wenn du den verfluchten Schriftsteller in mir fragst«, flüsterte Elijah und strich wehmütig durch die anwachsenden Risse in seinem Gesicht. Mittlerweile war es leichenblass. Seine Augen waren so schwarz, dass man das Gefühl hatte, in einen tiefen Brunnen zu blicken. Die Ewigkeit hatte ihre Spuren hinterlassen. »Du solltest dieses Buch verbrennen und irgendwo von Neuem anfangen.«
»Und was ist dann mit dir?«, fragte Nora besorgt.
»Ich bin da, wo ich hingehöre. Im Reich der Träume. Die echte Welt war mir nie ein Zuhause …«
»Das Buch schrieb, es gäbe einen Weg, dich zu befreien!«
»Ja, den gibt es. Sobald mich jemand in diesen Zeilen findet ...«
»Aber ich habe dich gefunden? Was braucht es denn noch?!«
»Ein Herzenswunsch, frei von Sehnsucht. Ein uneigennütziges Versprechen …«, flüsterte Elijah und formte eine Tür aus dem Schlüssel, den Noras letzter Wunsch erzeugt hatte.
Sie führte auf eine Waldlichtung. Der Tag, an dem Elijah und sie sich verlobt hatten.
»I… ich kenne diesen Ort«, stammelte Nora und sah fragend zu Elijah.
»Ja … Hier gab ich dir ein solches Versprechen … Der einzige Grund, aus dem ich dich damals gehen lassen konnte. Weil ich hoffte, dass du irgendwo dort draußen dein Glück finden würdest. Auch wenn es bedeutet, dass ich nicht Teil davon sein kann. Auf dieser Wiese habe ich dir versprochen, immer für dich da zu sein. Auf dich aufzupassen und dich zu lieben. Bis zum Mond und wieder zurück. Ein Zurück wird es nicht geben, wenn du dich weiter an dieses Buch verlie…«
»Niemand wird sich weiter an dieses Buch verlieren!«, fiel Nora ihm ins Wort.
»Morgen wird es vorbei sein. Ich werde verhindern, dass es passiert und dich hier rausholen …«
Elijah blickte traurig zu Boden.
»Die entscheidende Frage ist, zu welchem Preis?«, seufzte er und schritt in die Dunkelheit. »Jeder weitere Wunsch entfernt mich von der Version, die du einst geliebt hast … Elijah wollte etwas schaffen, das Hoffnung bedeutet und strandete in dieser Illusion. Er ist tot. Ich bin der Schlüsselmeister und werde es immer sein ...«
Alles um sie herum wurde schwarz.
Jagen Träumen nach,
bis der Morgen uns entdeckt.
Der Preis eines jeden Wunsches war das Vergessen. Als Noras Wunsch sich erfüllte und sie in jener Gewitternacht bei Elijah war, konnte sie nur dabei zusehen, wie das Unausweichliche geschah. Der Blitz schlug ein, Elijah schuf das Buch und Noras Träne erweckte es zum Leben.
Es schien hoffnungslos. Das Buch tauchte immer wieder auf. Ganz gleich, was Nora sich wünschte, das Glück blieb ihnen verwehrt und Elijah gefangen. Nur in ihren Träumen konnten sie sich nahe sein. Im Reich des Schlüsselmeisters.
Mittlerweile flogen hunderte Schlüssel durch den Leuchtturm am Rande des Alls. Ein jeder verkörperte die Sehnsucht eines Wunsches, der sich erfüllt hatte. Es ließ sich schwer sagen, wie viele seit dem ersten vergangen waren. Noras Verstand vermochte es kaum noch, die Last all dieser Realitäten zu verarbeiten. Ihr Körper blieb jung, doch ihr Geist alterte. Er klammerte noch immer an der Sehnsucht des Was-wäre-wenn.
»Was glaubst du, wie viele Sterne es sind?«, hatte Elijah sie in ihrer zweiten Wunschnacht beim Anblick des Nachthimmels gefragt. »Wie lange vermag es ein einzelner, das Licht aller zu tragen«, hallten seine Worte durch ihr Unterbewusstsein, als sie eines Abends erneut vor dem Buch saß.
Während sie die Feder in die Tinte tauchte, sog sie die bitterliche Antwort in sich auf und schrieb schweren Herzens ihren letzten Wunsch nieder.
Zum Teufel … Ich werde nie einen Wunsch zu Papier bringen, der dich aus diesen Zeilen befreit. Uneigennützig und frei von Sehnsucht. Diese verdammte Sehnsucht. Ich werde sie nicht los. Es ist wie ein Juckreiz. Sie ist mein Schatten – genau wie dieses Buch. Ich wünsche mir, dass es eines Tages jemandem in die Hände fällt, der dazu in der Lage ist, dich daraus zu befreien. Ich bin es nicht. Aber ich werde bei dir sein. Wann immer du diesen Schlüssel um deinen Hals berührst und dich daran erinnerst, wer du unter diesem gesprungenen Antlitz bist. Elijah – die Liebe meines Lebens, Leuchtturmwärter und Träumer. Vergiss das nicht … Vergiss mich nicht …
Das Buch antwortete.
In Sehnsucht endet es, in ihr hat es begonnen,
mit dir und all denen, die noch kommen.
Licht und Schatten, Segen und Fluch,
für alle Zeiten gebunden an das Buch …
Nora hatte den Satz kaum ausgelesen, als sich inmitten der Seite ein tiefschwarzer Abgrund auftat. Es zog sie hinein wie in einen Strudel. Ihre Gedanken zerrannen, ihr Geist floss dahin. Bevor sie gänzlich mit dem Buch verschmolz, traf sie ein letztes Mal auf Elijah.
»W… was passiert mit mir?«, stammelte sie am Rande der Klippe und blickte auf ihre sich auflösenden Hände. Sie flogen in Funken dahin und sammelten sich in dem Schlüssel, den der leichenblasse Leuchtturmwärter um den Hals trug. Sein Gesicht war gesprungen, die Augen so schwarz wie die Nacht.
Ein zaghaftes Lächeln legte sich über seine Mundwinkel.
»Du hast deinen Frieden gefunden«, sagte er und blickte blutenden Herzens auf den Schlüssel, der Nora in sich aufsog, bis sie verschwunden war.
Ihr Wunsch schickte das Buch auf die Reise. Seither geistert es durch die Jahrhunderte, auf der Suche nach jenem, dem es gelingen würde, den Schlüsselmeister von seinem Fluch zu befreien. Wann immer ein Herz von Sehnsucht ergriffen danach rief, war das Buch zur Stelle.
Es verschlang Seele um Seele. Die Geschichten der Menschen lebten fort, konserviert in den Schlüsseln, die durch den einsamen Leuchtturm, am Rande der Unendlichkeit schwebten.
Das Reich des Schlüsselmeisters.
Die Nacht ward seine Heimat, die Träume seine Sprache und so irrte das Buch durch die Zeiten, bis zu jenem Tage …
»Was ist das für ein Schlüssel, den du um den Hals trägst?«, fragte Marli, der Geheimniskrämerei überdrüssig.
»Oh, du meinst den hier?«, flüsterte der Schlüsselmeister und blickte geistesabwesend auf den Schlüssel an der Kette. In dem Moment, in dem er ihn berührte, passierte etwas mit ihm. Die blasse Haut bekam Farbe, die Furchen in seinem Gesicht verschwanden und seine tiefdunklen Augen färbten sich blau.
»Wohin führt er? Was hat es damit auf sich?«
»Der erste, den das Buch hervorbrachte ... Oder war es andersherum?«, überlegte er, während die Risse in sein Gesicht zurückkehrten.
»Zeig ihn mir.«
...
DIE LEGENDE DES
SCHLÜSSELMEISTERS
Belletristisch verträumte Mystik
mit einem Hauch von Schwarz.
-WEITERE AUSSICHTEN-
ÜBER DEN AUTOR
Timo Schartner - Vollzeitträumer und Teilzeitphilosoph. Ein Phantom zwischen den Zeilen. Jede Geschichte beginnt und endet mit einem einfachen Schritt.
ZWISCHEN DEN WERKEN
Von der ersten Idee bis zur fertigen Geschichte liegt ein langer und steiniger Weg.
BÜCHER
Empathischer Erzählton, poetische Stimme. Zwischen Lyrikbänden und Romanen.
UND SONST SO?
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