Nilos Geschichte
Die Suche nach der Quelle des Lebens
Es war einmal. So beginnen vielleicht die meisten Geschichten, die etwas auf sich halten. Doch diese nicht. Denn am Anfang aller Tage war das Nichts. So würde man es vielleicht bezeichnen, wenn es in der menschlichen Sprache einen Namen dafür gäbe.
Manche nennen es das Davor, wieder andere die Weltenseele. Jene sonderbare Kraft, die es gab, lange bevor die Idee von Zeit und Raum geboren wurde. Denn beides wurzelte aus ihrem sehnlichsten Wunsch – das Geheimnis nicht länger für sich zu behalten, das sich ihr im Angesicht der Ewigkeit offenbarte. Jene Wahrheit, die aus der Unendlichkeit zu ihr sprach – der Kern allen Lebens.
Nach ihrem Abbild formte sie die Welt. Vom kleinsten Kiesel bis zum größten Berg. Von der zarten Blume bis zum grobrindigen Baum. Von den Sternen bis zum dunkel verhangenen Horizont, über den sie sich erhoben, um dem Mond nahe zu sein. Jedes Glied war eins mit der Schöpfung, verbunden mit der einen Wahrheit, die sich der Weltenseele offenbart hatte und sich über den gesamten Kosmos ausbreitete.
Und eines Tages, als ein sterbender Stern seinen Weg zur Erde fand, brachte er dem leblosen Planeten das Wasser. Am Orte seines Aufpralls entstand eine nie versiegende Quelle. Und dem Wasser folgte das Leben. Im verglimmenden Schein des Sterns brachte die Quelle die sonderbarsten Kreaturen zum Vorschein. Von der Stechmücke bis zum größten Säugetier. Dem schimmernden Licht des Sterns entnahmen sie die Wahrheit und wagten es, unhinterfragt nach ihr zu leben.
Als der Stern beinahe erloschen war, entstieg dem Wasser ein Wesen, das anders sein sollte als alle anderen. Denn als der Stern im selben Augenblick verglühte, erfuhr der Mensch als einziges Wesen von der Vergänglichkeit. Vielleicht war es gerade diese Eigenschaft, die ihn von allen anderen Kreationen der Schöpfung trennen sollte. Der Stern erlosch und wurde eins mit dem Wasser der Quelle. So schenkte er ihm sein größtes Vermächtnis. Das Geheimnis der Weltenseele.
Wie kein anderes Lebewesen vermochte er es, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen. Und doch wuchs in seinem Herzen die Angst, dass die Vergänglichkeit ihm jenes Glück nehmen könnte. Von Zwiespalt und Unsicherheit getrieben, machte er sich die Natur zu untertan. Unwissend, dass er dabei war, seine eigene zu vergessen. Denn je weiter er sich entwickelte, umso weiter entfernte er sich von der Quelle und dem Vermächtnis des Sterns.
Die Jahrtausende vergingen. Und auch wenn der Mensch derweil seine eigenen Götter geschaffen hatte, wagten es noch einige wenige, zu träumen. Davon, dass es in den fernen Bergen – dort, wo das Abendrot die Dämmerung umarmte – noch immer jene Quelle gab, an der der Stern auf die Erde traf.
Es war zu dieser Zeit, als ein kleiner Junge auf die Welt kam. Sein Name war Nilo. Er wuchs in einem Dorf auf, nahe den Bergen, hinter denen die Sonne Tag für Tag den Himmel hinaufkletterte. Seine Eltern waren gewöhnliche Leute, umso mehr lastete die Hoffnung der Familie auf Nilo. Seine Mutter hegte immer den Wunsch, dass er glücklich ist. Frei nach der Wahrheit der Weltenseele, denn in der Liebe zu ihrem Sohn hatte sie sie gesehen. Seine Großeltern wünschten sich, dass er die großen Universitäten des Landes besuchen würde. Sie sahen in ihm stets das Wunderkind, den zukünftigen Gelehrten. Und sein Vater wünschte sich, dass aus ihm einmal ein erfolgreicher Geschäftsmann werden würde und es ihm einmal besser gehen sollte als seinen Eltern.
Aber Nilo war anders. Er war ein Träumer. Er sah die Welt mit anderen Augen. Und obwohl er die Gabe hatte, ihre Schönheit zu erkennen, fiel es ihm schwer, seinen Platz darin zu finden. Die Jahre lehrten ihn Gehorsam und Disziplin. Er lernte früh, dass jeder an ihm Gefallen fand, wenn er den Wegen der Allgemeinheit folgte. Er besuchte die besten Schulen und strebte danach, den Erwartungen seiner Familie gerecht zu werden.
Eines Abends, als er mit seiner Mutter am Waldesrand saß und die Sonne dabei war, sich in den roten Wolken am Horizont aufzulösen, erzählte sie ihm die Geschichte des Sterns. Von dem Geheimnis der Weltenseele und der Wahrheit, die im Wasser der Quelle auf ihn wartete. Nilo war noch klein. Er konnte mit den Worten nicht viel anfangen. Doch was jener Abend in ihm hinterließ, war ein warmes Gefühl. Die stille Sehnsucht, vom Wasser der Quelle zu kosten und vielleicht darin das Glück zu finden, das er sich für sein Leben erhoffte. Im Schein des Abendrots passierte etwas mit ihm. Er hörte eine Stimme in seinem Inneren, die flüsternd versprach, ihm eines Tages das Geheimnis der Weltenseele zu offenbaren. Fortan war es immer wieder derselbe Traum, der Nilo in stillen Nächten heimsuchte und die Gewissheit in ihm zutage brachte, dass es sein Schicksal wäre, die Quelle zu finden.
Die Jahre vergingen und aus dem kleinen Jungen wurde ein ansehnlicher junger Mann. Doch je älter Nilo wurde, umso mehr verblassten die Worte seiner Mutter zu einer vagen Erinnerung, wie der Gipfel eines Berges, vom Nebel des Vergessens verschlungen. Und mit ihm auch die Stimme in Nilos Inneren, die ihm in Jugendjahren versprochen hatte, ihm eines Tages das Geheimnis der Weltenseele zu offenbaren.
Dem Weg der Allgemeinheit folgend, hatte Nilo nichts unversucht gelassen, den Erwartungen seiner Familie gerecht zu werden. Er hatte sich in der Schule bemüht, einen rentablen Beruf erlernt und hatte Aussicht auf einen gut bezahlten Posten. Schon bald darauf lernte er eine junge Frau kennen. Sie heirateten und im Zuge ihrer Zweisamkeit lernte Nilo, was es bedeutet zu lieben.
Wahrscheinlich war es ebendieser Segen, der Nilo eines Abends das Abendrot so sehen ließ wie in den Tagen seiner Kindheit. Er erinnerte sich an den Abend, als seine Mutter ihm von der Quelle erzählte und er zum ersten Mal die Stimme in seinem Inneren hörte – an jenen vergessenen Traum aus Kindheitstagen, der ihm fortan keine Ruhe lassen sollte. Sein Leben hielt so viele Möglichkeiten für ihn offen und doch keimte in Nilo die Gewissheit, dass es für ihn nur die eine gab – die Quelle zu suchen und jenes Glück zu finden, das er sich davon versprach – seine Wahrheit.
Er kannte zwar die Richtung, doch der Weg war ihm ungewiss. Er reiste durch das Land, traf Wanderer, die dasselbe Ziel suchten, Prediger und Philosophen. Er folgte den Ratschlägen der Ältesten und Weisesten. Sie alle meinten den Weg zur Quelle zu kennen, aber wann immer Nilo sich auf ihre Worte einließ, verlief er sich.
Und war er auch manches Mal kurz davor aufzugeben, hörte er auf die Stimme in seinem Inneren, die in stillen Momenten zu ihm sprach. Nilo erinnerte sich an ihr Versprechen, seine Wahrheit und mit ihr sein Glück zu finden. Sie hatte versprochen, ihm das Geheimnis der Weltenseele zu offenbaren. Nilo lernte, ihr zu vertrauen. Im Laufe des Erwachsenwerdens hatte er sie beinahe vergessen. Ihr Gehör zu schenken, tauchte sein Herz in Licht und trennte ihn von all den Schatten, die die Jahre des Vergessens in ihm hinterlassen hatten.
Den Warnungen der Ältesten trotzend, stieg er auf ein Floß und ruderte über den großen Fluss gen Westen, dem Abendrot entgegen. Und noch ehe es wieder Tag wurde, erreichte er das verlorene Land auf der anderen Seite. Er überquerte die unendlichen Wiesen und den Wald des Vergessens. Frei von Furcht und Zweifeln, ohne Ruhe und ohne Rast – einzig besonnen auf die Stimme, die ihm den Weg wies. Er erklomm die fernen Berge und ehe die Abendsonne das nächste Mal die Dämmerung umarmte, erreichte er von Müdigkeit und Durst geplagt die Quelle.
Er sah in das Wasser und erblickte sein Spiegelbild. So wie an diesem Tag hatte er es nie zuvor gesehen, denn in seinen Augen erkannte er die Wahrheit, das Geheimnis der Weltenseele. Der Geist des Sterns erschien ihm. Er schätzte die Mühen, die Nilo auf sich genommen hatte, und so gewährte er ihm, sich ein Glas Wasser aus der Quelle zu nehmen. Wo auch immer das Wasser auf fruchtbaren Grund treffen würde, würde ein Ableger der Quelle entstehen.
Nilo füllte das Glas mit so viel Wasser, wie dieses vermochte zu tragen und machte sich auf den Heimweg. Bevor er ging, erteilte der Geist des Sterns ihm noch eine Warnung. Das Glas würde sich immer wieder auffüllen, wenn er davon tränke, doch was er verschüttete, wäre für immer verloren.
In der Gewissheit, diesem Schicksal fern zu sein, machte Nilo sich auf den Rückweg. Er träumte schon von einem heimischen Brunnen und davon, denen, die er liebte, die Wahrheit nahezubringen, die das Wasser ihm offenbart hatte. Er fragte sich, was seine Frau dazu sagen würde. Würde sie ihn wiedererkennen? Er hatte sich verändert, die Reise hatte ihn geprägt. Er war nicht länger der junge Mann, der aufbrach, um seinen Traum zu verfolgen. Nein – nun hielt er ihn in seinen Händen. Klein und zerbrechlich, doch Nilo war sich sicher, dass er ihn nicht verlieren würde.
Er folgte nach wie vor der Stimme in seinem Inneren. Seit er seine Wahrheit im Wasser gesehen hatte, hörte er sie klarer denn je und doch fiel es ihm während des Abstiegs in das Tal zunehmend schwerer, ihr Gehör zu schenken. Stattdessen vertraute er lieber auf die Pfade, die ihm noch vom Hinweg im Gedächtnis geblieben waren. Er folgte den Fußstapfen all jener, die den Weg vor ihm beschritten hatten, und merkte dabei nicht, wie er durch seine Unachtsamkeit einen kleinen Teil des Wassers verschüttete.
Als er den Wald des Vergessens erreichte, war es bereits Nacht. Er fürchtete sich, denn er kannte den Weg nur bei Tage. Ungewissheit und Angst zerrten an seinen müden Gliedern. Er ließ das Glas aus den Augen und achtete mehr darauf, nicht über die zahlreichen Wurzeln der Bäume ins Straucheln zu geraten. Dabei merkte er nicht, dass er im Dunkel der Nacht abermals etwas von dem Wasser verschüttete.
Bei Einbruch der Morgendämmerung hatte er den Wald des Vergessens hinter sich gelassen. In Gedanken schon der Heimat nahe, überquerte er die unendlichen Wiesen, als plötzlich ein Wolf aus dem hohen Gras gesprungen kam. Wäre Nilo nicht den durchgetretenen Wegen gefolgt, wäre er dem Wolf gar nicht erst begegnet, doch der Wolf kannte die bekannten Pfade und hatte ihm aufgelauert. Er wusste um all die schwachen Wanderer, die im Angesicht der Ferne das Wasser verschütteten und durch ihren Durst geschwächt leichte Beute waren.
Aber Nilo war nicht durstig. Seiner Achtsamkeit geschuldet hatte er noch genug Wasser und Kraft, um dem Wolf seine Fackel entgegenzustrecken und ihn in die Flucht zu schlagen. Doch ehe er sich dessen bewusst wurde, geriet er ins Stolpern und verschüttete beinahe das gesamte Glas.
Dennoch blieb er zuversichtlich. Solange ihm auch nur ein Tropfen verblieb, war der Traum der heimischen Quelle nicht verloren. Er überquerte den Fluss und noch bevor die Sonne des fünften Tages unterging, erreichte er seine Heimat.
Als er zu Hause ankam, musste er feststellen, dass diese sich verändert hatte. Seine Frau hatte ihn in der Zwischenzeit verlassen. Sein lang ersehnter Job ging an jemand anderen und der Hof seiner Familie, der ihm seit seiner Kindheit ein Zuhause war, war niedergebrannt. Von der Wirklichkeit überwältigt, sackte Nilo auf die Knie. Das Glas entglitt seinen Händen und zerschellte.
Das Wasser war verschüttet. Im Erdboden versickert, ebenso wie alles andere, an das Nilo je geglaubt hatte. Vom Hof seiner Kindheit war nicht mehr als ein dunkler Haufen Asche geblieben. Seine Familie hatte sich im Zuge dessen zerschlagen. Die Aussicht auf einen rentablen Job schien in unerreichbare Ferne gerückt und die Liebe seines Lebens verkam zu einer ausbleichenden Erinnerung. Seine innere Stimme hatte ihn verlassen und die Leere, die er lange überwunden glaubte, keimte in ihm auf.
Heimatlos durchstreifte er das Land, schlief unter Bäumen und löschte seinen Durst aus Flüssen. Rastlos, ohne Plan und ohne Ziel. Er lief, bis ihm die Füße bluteten. Und war sein Herz in jungen Jahren noch voller Hoffnungen und Wünsche, so hegte er nur noch den einen – dass alles enden würde. Die Tür in sein altes Leben schien verschlossen und so sehr er sich auch bemühte, daran anzuknüpfen, so wollte es ihm nicht gelingen. Er war ausgezehrt von der Reise, müde von diesem Leben, dessen Sinn mit dem Glauben an seine Wahrheit im Erdboden versickert war. Und wenn er nun des Abends zu den fernen Bergen blickte, in denen die Quelle gelegen war, so schämte er sich. Dafür, jemals den Leichtsinn besessen zu haben, daran zu glauben, dass ihr Wasser ihm seine Wahrheit bringen würde.
Es geschah an einem dieser Abende, an dem Nilo am Fluss unter den Zweigen einer Weide saß und den Sonnenuntergang beobachtete. Die Nacht hatte das Land bereits umschlungen, als ein Rudel hungriger Wölfe auftauchte. Nilo war zu müde und kraftlos, um zu fliehen. Sie fielen über ihn her, zerbissen ihm den Fuß und zerfleischten seine Beine.
Mit letzter Kraft kletterte er die Weide hinauf. Die Wölfe schnappten nach ihm und sprangen am Stamm empor. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich nicht länger halten könnte und die Nacht schien ewig. Zu seinem Glück kam ein Wanderer den Weg entlang. Mit seiner Fackel verscheuchte er die Wölfe und brachte Nilo in Sicherheit. Er nahm ihn mit zu sich nach Hause und versorgte seine Wunden.
Die Tage verstrichen. Als Nilo wieder halbwegs laufen konnte, trat er aus dem Haus und traf auf den Wanderer. Er wollte ihm danken, doch der Wanderer wies ihn zurück und zeigte stattdessen auf den kleinen Brunnen in der Mitte des Hofes.
Als Nilo hineinschaute, erblickte er sein Spiegelbild. Verschwommen und schwach, aber es erinnerte ihn an die Klarheit seiner Augen, als er zum ersten Mal in das Wasser der Quelle sah. Und mit einmal vernahm er wieder diese leise Stimme in seinem Inneren, die ihn flüsternd an ihr Versprechen erinnerte – ihm das Geheimnis der Weltenseele nahezubringen – seine Wahrheit, die er seit jenem Tag verloren glaubte, als er von seiner Reise zurückkehrte.
Wie Nilo von dem Wanderer erfuhr, war dieser vor etlichen Jahren selbst aufgebrochen, um die Quelle zu suchen. Er hatte es geschafft, das Wasser bewahrt und hier auf seinem Hof seinen eigenen Ableger geschaffen. Im Angesicht seines Spiegelbildes keimte der Wunsch in Nilo, erneut nach der Quelle zu suchen.
Die Wochen vergingen. Bis er vollends genesen war, gewährte der Wanderer ihm Obdach. Mit jedem weiteren Tag gewann die Stimme in seinem Inneren an Kraft und brachte die Hoffnung in ihm zum Vorschein, die er lange verloren glaubte.
Als die Zeit gekommen war, verabschiedete Nilo sich von seinem Gastgeber und machte sich auf die Reise. Er folgte seiner inneren Stimme zu den Bergen und erreichte zum zweiten Mal die Quelle.
Der Geist des Sterns erschien ihm. Doch anders als beim ersten Mal verwehrte er Nilo das Wasser. Verzweifelt erzählte dieser ihm, was er in der Zwischenzeit alles erlebt hatte. Welche Mühen es ihn gekostet hatte, ein weiteres Mal den Weg zu finden und davon, dass dieser Traum alles sei, was ihm geblieben war. Doch der Stern schickte ihn fort. Statt des ersehnten Wassers gab er Nilo lediglich einen Ratschlag mit auf den Weg. Er erinnerte ihn an die Stimme in seinem Inneren und riet ihm, ihr zu folgen. Sie allein würde ihm dem nahebringen, wonach er sich sehnte, und würde er an jener Stelle, an der sein Herz verloren lag, eine Grube ausheben, so würde er finden, wonach er suche.
Enttäuscht machte Nilo sich auf den Rückweg. Dennoch beherzigte er den Rat des Sterns. Während des Abstiegs stellte er sich Not und auch Zweifeln, blieb ganz bei sich und folgte seiner inneren Stimme.
Schon nach kurzer Zeit hatte er die Berge und den Wald des Vergessens hinter sich gelassen. Anders als beim ersten Mal brachte ihn keine Wurzel zu Fall, denn Nilo achtete darauf, wo er hintrat. Er folgte nicht länger den Fußspuren der anderen. Umso bewusster achtete er auf die Spuren, die er selbst hinterließ. Und so kreuzte nicht ein Wolf seinen Weg, als er die unendlichen Wiesen durchquerte und über den Fluss nach Osten ruderte.
Er vertraute weiter auf seine innere Stimme, kehrte in das Dorf zurück, in dem er aufgewachsen war und begann, den Hof seiner Familie wieder aufzubauen. Ihr Erbe war nicht verloren, denn durch Nilos Gedenken lebte es weiter.
Und noch bevor der letzte Ziegel verbaut war, lernte er eine Frau kennen. In ihren Augen erblickte er sein unverfälschtes Spiegelbild und fand darin die Liebe tief in seinem Inneren, die er glaubte, verloren zu haben, als das Glas zerbrach und das Wasser versiegte. Er erinnerte sich an die Worte des Sterns und als der Tag gekommen war und das Abendrot jene Stelle erleuchtete, an der er vor Jahren das Glas fallen ließ, begann er eine Grube auszuheben.
Er grub bei Tag und bei Nacht. Und schnitt er sich manches Mal an den Scherben des Glases, so erinnerte er sich mit jeder Handvoll Erde an all die Schritte, die ihn hierhergeführt hatten – an diesen Ort, zu diesem Augenblick. Manchmal war er daran, aufzugeben, doch dann hörte er wieder die Stimme in seinem Inneren und grub weiter. Und noch ehe der letzte Spatenstich hervorbrachte, was der Stern ihm versprochen hatte, wurde ihm bewusst, dass er es schon lange gefunden hatte. Denn das Glück lag in ihm. Die Wahrheit in der Stimme in seinem Inneren. Und wenn er von nun an zu den fernen Bergen blickte, verspürte er die friedliche Gewissheit, die diese Reise in ihm hinterlassen hatte.
-WEITERE AUSSICHTEN-
ÜBER DEN AUTOR
Timo Schartner - Vollzeitträumer und Teilzeitphilosoph. Ein Phantom zwischen den Zeilen. Jede Geschichte beginnt und endet mit einem einfachen Schritt.
ZWISCHEN DEN WERKEN
Von der ersten Idee bis zur fertigen Geschichte liegt ein langer und steiniger Weg.
BÜCHER
Empathischer Erzählton, poetische Stimme. Zwischen Lyrikbänden und Romanen.
UND SONST SO?
KONTAKT
Das Sprachrohr zum Autor für Anfragen,
Buchbestellungen oder sonstige Anliegen. Sattel die Brieftaube, ich freue mich, von dir zu lesen.