Die Matriarchin und der Kuckuck

 

In manch sternenklarer Nacht verspürte Earl ein leichtes Kribbeln in seinem Schnabel. Aber noch war der Zeitpunkt nicht gekommen, in den Norden zurückzukehren. Stattdessen verbrachte er seine Tage mit Juno am Fluss. Er lernte viel über das Elefantenjunge und deren Familie, auch wenn er sich von dieser lieber fernhielt. 

Letztendlich musste er feststellen, dass die Dickhäuter ein ähnliches Sozialgefüge hatten wie die Menschen. Innerhalb der Herde gab es einzelne Gruppen. Zusammengefasst unter der Führung der Matriarchin, Junos Großmutter. Eine alte Elefantenkuh, die beinahe ein halbes Jahrhundert durch dieses Dickicht streifte. Zumeist stand sie abseits der anderen und wachte von einem Hügel aus über sie. 

Sie war streng zu Juno. Kalt, wie diese Earl erzählte. Eben wie der Rest der Herde, denn gruppenübergreifend fühlte sich jeder Elefant für die Aufzucht der Jungen zuständig. Ihre versteiften Regeln ließen wenig Raum für einen Querkopf wie Juno. Nicht selten stieß sie sich mit ihrer Neugier an dem Grundsatz von – »weil wir das schon immer so gemacht haben« und »weil ich es dir sage«. 

Die Elefanten beäugten den Kuckuck mit Argwohn. Sie sahen in ihm nichts weiter als einen Herumtreiber. Junos Mutter hielt ihn für schlechten Umgang und auch die Matriarchin strafte Earl stets mit Blicken des Misstrauens. Das führte dazu, dass Earl und Juno ihre Treffen auf die andere Seite des Flusses verlegten. 

Als Earl eines Tages am vereinbarten Treffpunkt erschien, tauchte Juno nicht auf. Sie kam öfter zu spät, weil sie mal wieder einem Schmetterling nachjagte oder die Zeit vergaß. Aber heute war es anders. Earl konnte spüren, dass etwas in der Luft lag. Er wurde unruhig, denn auch wenn er den Rest der Herde auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses sah, konnte er Juno nicht unter ihnen ausmachen. Schließlich sammelte er seinen Mut und flog zu den Elefanten. 

Die Dickhäuter überschütteten den Kuckuck mit urteilenden Blicken. Am Rande der Herde, im Schatten des Unterholzes, entdeckte er Junos Mutter. 

»Wo ist Juno?«, fragte er aufgeregt. 

»Ich dachte, sie wäre bei dir«, antwortete die Elefantenkuh misstrauisch. »Zumindest sagte sie das, als sie heute Morgen fortging.« 

»Nein – sie kam nicht. Ich habe den Fluss abgesucht, ich kann sie nicht finden …« 

Plötzlich wackelten die Äste. Der Boden bebte unter den Füßen der alten Leitkuh, die aus der Menge auf Earl zukam und vor seinem Ast stehen blieb. 

»Wenn ihr uns zwei allein lassen würdet«, richtete sie sich an die Herde, ehe ihr urteilender Blick auf den Kuckuck fiel. 

Eingeschüchtert flog dieser auf einen höheren Ast. 

»Ich mache mir nur Sorgen.« 

»Wie wir alle«, schnaubte die Matriarchin und sah anklagend zu ihm auf. »Seit Wochen spricht Juno von nichts anderem.« 

»Ich ... Ich verstehe nicht ganz.« 

»Was gibt es da nicht zu verstehen?! Sie ist ein Elefant, du ein dahergeflogener Tagedieb. Ständig redet sie davon, wie toll du doch seist. Von den Dingen, die du bei den Menschen erlebt hast und dass hinter der Wüste nicht das Ende der Welt liegt.« 

»Es ist die Wahrheit – du kannst sie nicht ewig davor beschützen.« 

»Nein, aber vor dir kann ich sie beschützen. Wir Elefanten leben seit Tausenden Jahren in diesem Wald. Von Generation zu Generation. Bis du hier aufgetaucht bist und Juno all diesen Unsinn in den Kopf gesetzt hast.« 

»Das kannst du mir nicht anhängen. Die Kleine ist, wie sie ist. Vielleicht wäre sie nicht verschwunden, wenn ihr ihr öfter zugehört hättet, statt sie ständig kleinzureden.« 

»Die Stärke der Herde liegt in ihrer Geschlossenheit. In diesem Wald kann es tödlich enden, wenn sich einer nicht an die Regeln hält.« 

»Regeln«, wiederholte Earl leise. »Die Kleine sehnte sich doch nur danach, erhört zu werden.« 

»Frei zu sein – genau wie du. Ich weiß von dem Unsinn, den du ihr erzählt hast«, sagte die Matriarchin und die kaltherzige Bissigkeit in ihrem Gesicht wich Trauer und Sorge. »Juno war schon immer etwas anders. Wenn alle rechts gehen, geht sie links. Wenn alle anderen fragen, warum – fragt sie, warum nicht. Wir haben sie seit dem Morgen nicht gesehen. Bald wird es Abend. Hat sie dir etwas gesagt? Weißt du, wo sie sein könnte?« 

Earl erinnerte sich an ihre letzten Treffen. 

»Ja … vielleicht war da was. Sie erzählte mir von ihren Träumen.« 

»Es wird ja immer verrückter! Ein Elefant, der träumt … Würde sie nur im Stehen schlafen, wie alle anderen.« 

»Sie sagte, sie sehe den Wald in einem roten Flackern. Wie er dabei ist, zu sterben. Und vor ein paar Tagen erzählte sie mir von einem sonderbaren Geräusch oberhalb des Wasserfalls, am anderen Hang der großen Berge.« 

»Das passt zusammen. Kürzlich hat sie die Herde darüber ausgefragt …«, bemerkte die alte Leitkuh und sah Earl prüfend in die Augen. »Das ist nicht alles, oder?« 

»Nein … ich versprach ihr, nachzusehen.« 

»Und?« 

»Das Geräusch kam von den Menschen. Sie fällen die Bäume an den oberen Berghängen. Etwas weiter südlich haben sie ein Lager errichtet. Ich halte sie für gefährlich. Sie haben einen Leoparden erschossen und Hunde bei sich.« 

»Lass mich raten … Juno wollte trotz allem dorthin?« 

»Sie war davon überzeugt, dass das Erscheinen der Menschen mit ihrem Traum zusammenhängen muss. Ich habe versucht, es ihr auszureden. Ich dachte, sie wäre einsichtig.« 

»Da kennst du meine Enkelin nicht. Diesen Vogel hast du ihr in den Kopf gesetzt«, schnaubte die Matriarchin und ging unruhig auf und ab, ehe sie stehen blieb und zu Earl aufsah. »Bald wird es dunkel werden. Vielleicht sollte dies nicht der Zeitpunkt für Schuldzuweisungen sein«, sagte sie mit ruhiger werdender Stimme. »Finden wir Juno. Wenn sie dir nur halb so viel bedeutet wie mir, wirst du mich begleiten.« 

»Das werde ich«, entgegnete Earl, dem es ebenfalls fernlag, sich in Streitigkeiten zu verrennen. Für den Moment war ihm nur wichtig, Juno in Sicherheit zu wissen. Eben wie der alten Matriarchin. So machten sie sich auf den Weg, das verschollene Kalb zu suchen. 
Die Matriarchin und der Kuckuck folgten dem Flussverlauf in Richtung des Wasserfalls. Earl überflog den Wald und beobachtete die ufernahen Büsche, doch von Juno fehlte weiterhin jede Spur. In der Dämmerung erreichten sie die Klippen. Die Nacht hatte das Tal bereits fest umschlungen, als die alte Leitkuh oben ankam. Am Hang des Berges, der nur noch wenige Kilometer von ihnen entfernt lag, strahlten grelle Lichter, die keinen natürlichen Ursprung hatten.

»Wir sollten vorsichtig sein. Bis zu den Menschen ist es nicht mehr weit …«, sagte Earl.

»Selbst dieses Tal scheint nicht sicher vor ihnen zu sein«, brummte die Matriarchin und sah mit Sorge auf den Wald, der ihrer Herde eine Heimat bedeutete. »Ihre Gier ist unersättlich. Der Leopard frisst, wenn er hungrig ist, genau wie das Krokodil oder die Hyänen. Alles ist in einem empfindlichen Gleichgewicht. Die Menschen leben außerhalb dieses Gefüges und doch bedienen sie sich daran, als würde es ihnen allein gehören. Ich hoffe, Juno ist nicht bei ihnen.«

»Sie sind uns Tieren gar so unähnlich. Das heißt im Kern vielleicht«, sagte Earl, im Hinblick dessen, was er in der Stadt erlebt hatte.

»Wie kommst du auf diese absurde Idee? Wenn ich mich auf das verlasse, was ich über sie gehört und gesehen habe, wage ich es, ein anderes Urteil zu fällen. Diese nackten Affen sind eine Plage. Dieser Wald war eines der letzten Reservate, aus denen sie sich fernhielten.«

»Ich weiß«, seufzte Earl und dachte an das, was Hitchcock ihm über die Menschen erzählt hatte. »Sie tun merkwürdige Dinge. Sie bekriegen sich für Geld, bunte Steine, Ländereien und andere Nichtigkeiten. Aber nicht alle sind so. Ich habe Güte und Liebe unter ihnen gesehen. Als rastloser Waldbewohner verstehe nicht viel von der Liebe. Aber man sagt ihr nach, dass sie alle Grenzen überwindet. Sie scheint eine Kraft zu sein, die es vermag, mit den Gesetzen der Natur zu brechen. Vielleicht auch ein Weg, ihr gerecht zu werden …«

»Du hast Güte unter den Menschen gesehen?«, fragte die Matriarchin ungläubig.

»Ja, das habe ich. Bevor ich in den Süden flog, habe ich bei ihnen gelebt. Aber in Junos Fall sollten wir uns nicht darauf verlassen«, sagte Earl, während sie dem Flussverlauf zu den Berghängen folgten.

»Du hast freiwillig bei den Menschen gelebt?«, fragte die Matriarchin.

»Genau genommen hatte ich keine Wahl. Ich war ein Spätzünder, verletzte mir die Schwinge und lernte erst spät das Fliegen. Der Winter kam und wäre ich im Wald geblieben, wäre ich womöglich verhungert …«

»Was ist ein Winter?«, fragte die Matriarchin, der die Jahreszeiten der Nordhalbkugel fremd waren.

»Die dunkelste Zeit des Jahres. Sie folgt dem Herbst, wenn die Bäume ihre Blätter verlieren. Die Tage sind kurz und die Nächte umso länger. Alles legt sich zur Ruhe. Die Welt steht still, gehüllt in Schnee, gefroren durch Kälte. Sie lässt Flüsse und Seen erstarren. Das Leben scheint zu verschwinden. Bis es im Frühjahr wiederkehrt, wird einige Zeit vergehen. Ein …«

»… ewiger Kreis«, beendete die Matriarchin seinen Satz. »Die Gesetze der Natur sind allgegenwärtig. Genau wie hier. Anders als ihr unterscheiden wir zwischen der Trocken- und der Regenzeit. Ein fein ausgewogenes Gleichgewicht«, sagte sie und sah besorgt zum Himmel. »Dieses Jahr ist die Regenzeit spät dran. Schlecht für den Wald. Die Pflanzen trocknen aus und die Wasserlöcher versiegen. Nur der Fluss währt ewig. Er bietet uns ein Zuhause. Heimat und Zuversicht.«

»Und wenn ihr durch die Menschen gezwungen werdet, ihn zu verlassen?«

»Es ist nicht dieser Fluss, der unsere Heimat ausmacht«, sagte die Matriarchin. »Du als Herumtreiber müsstest das wissen.«

»Als Jungvogel sträubte ich mich, anzuerkennen, wer ich bin. Ich glaubte, ich wäre frei, wenn ich einen Weg fände, meine Natur zu überwinden. Nach ihr zu leben, kam mir nicht in den Sinn. Ich versuchte, vor ihr zu fliehen. Mir fehlte jedweder Instinkt. Ich hörte, dass die Menschen einen Weg gefunden hätten, ihrer Natur zu trotzen. So zog es mich zu ihnen.«

»Und machte es dich frei?«

»Nein …«, antwortete Earl und dachte an seine Reise zurück. »Die Menschen erschienen mir stets als übernatürliche Wesen. Aber das sind sie nicht. Die meisten dieser bemitleidenswerten Zweibeiner sind gefangen. Durch die Hürden ihrer Welt verlieren sie das Kribbeln in ihren Schnäbeln, wenn sie nicht darauf achten. Wenige wagen es, ihrer eigenen Bestimmung zu folgen – genau wie ich zu jener Zeit. Ich habe nie meinen Platz in der Welt finden können. Es ist schwer dort draußen, wenn einen von Nest auf das Gefühl begleitet, nirgendwo hineinzupassen.«

»Und trotzdem bist du hier«, bemerkte die Matriarchin.

»Ja, das bin ich. Weil ich niemals aufgegeben habe. Denselben Dickkopf sehe ich in deiner Enkelin. Vermutlich ist sie mir deshalb so ans Herz gewachsen ...«

»Ich denke, ich muss mich bei dir entschuldigen«, sagte die Matriarchin.

»Entschuldigen? Wofür?«

»Die Sache zeigt mir, was Juno dir bedeutet. Auch wenn wir beide unterschiedliche Meinungen haben, was ihr Wohlergehen anbelangt. Ich hoffe, sie steckt nicht in Schwierigkeiten …«

»Deine Enkelin mag vieles sein, aber sie ist nicht auf den Rüssel gefallen. Wir werden sie finden, das weiß ich«, entgegnete Earl.

Die alte Leitkuh sah erstaunt zu ihm auf.

»Was bist du überhaupt für ein Vogel?«, fragte sie.

»Ein Kuckuck«, antwortete Earl mit Stolz. »Aber Herumtreiber trifft es auch ganz gut.«

»Ich habe Zugvögel kommen und gehen sehen. Einer wie du begegnete mir ein einziges Mal in meinem Leben«, sagte sie und schaute mit einem warmen Gesichtsausdruck zu Earl. »Als ich klein war, man mag es kaum glauben – da war ich wie Juno. Eigensinnig, widerspenstig und viel zu neugierig. Auch ich traf auf einen Zugvogel, der mir von seiner Reise erzählte. Ich schätze, das hat mich für mein Leben geprägt. Ich wollte die Welt entdecken und lief hinaus in die Savanne bis zur großen Wüste. Hätte Mutter mich nicht gefunden, wäre die Geschichte anders ausgegangen. Dennoch habe ich mir diesen Sturkopf bewahrt. Heute entscheidet er über das Wohl einer ganzen Herde. Es erfordert Verantwortung und Vernunft. In Letzterer habe ich verlernt, zu sehen, was Juno wirklich ist, und wie ähnlich wir uns doch sind … ich schätze, sie wird eines Tages meinen Platz einnehmen. Womöglich war ich deshalb so streng zu ihr …«

»Kopf hoch, wir werden sie finden. Dann kannst du ihr das alles selbst erzählen«, sagte Earl und flog in die Bäume, um weiter Ausschau zu halten.