TRÄUMER DER NACHT
[K U R Z G E S C H I C H T E]
Ich bummelte durch die Stadt. Die Vögel zwitscherten unter wolkenlosem Himmel. Alles wirkte makellos perfekt. Die Häuser und Bäume strahlten im Licht der herbstlichen Sonne, als seien sie dem Pinsel eines verliebten Malers entsprungen. Es war einer dieser Tage, an denen jeder Schritt leicht und unbeschwert erscheint. Wäre da nicht dieser stechende Gedanke – ein inneres Zwicken, ein stilles Flüstern, das mir sagte, dass irgendetwas nicht stimmte. Wie war ich hierherkommen? Wo wollte ich hin?
Mit einmal verstummten die Geräusche der Umgebung. Die Zeit stand still. Die Menschen um mich herum verblassten, als wären sie lediglich Projektionen. Der Boden bebte. Kopfsteinpflaster, Bäume und Häuser, zerfielen in ihre Einzelteile und lösten sich in Rauch auf. Das Blau des Himmels tropfte hinunter und färbte sich schwarz.
Nebel umhüllte den Boden – vor mir war eine Tür – drumherum das Nichts. Klopfenden Herzens ging ich darauf zu und öffnete sie. Es war kein Raum, der mich dahinter erwartete, sondern eine grüne Bergwiese. Wie war das möglich? Ich roch das trockene Gras und die nahen Fichten. Die Sonne wärmte meine Haut. Träumte ich?
Ich war nicht allein. Vor mir stand ein Mann in schwarzem Mantel und Zylinder. Er war von langer hagerer Gestalt und hatte zerzaustes silbernes Haar, das glänzte wie Spinnweben im Sonnenlicht.
»Wer hätte gedacht, dass wir zwei uns einmal begegnen …«, sagte er.
Ich erstarrte, als er sich zu mir umdrehte. Sein Gesicht war kreidebleich, gesprungen wie Porzellan, mit Augen so tiefschwarz wie die Nacht selbst.
Verunsichert trat ich zurück und griff nach der Klinke, doch die Tür war wie vom Wiesenboden verschluckt.
»Du kennst die Spielregeln. Du hast sie selbst ins Leben gerufen. Genau wie mich ... Die Nacht ist meine Heimat, die Träume ihre Sprache. Ich bin der Schlüsselmeister, heute und für alle Tage ...«
Der Schlüsselmeister – schoss es mir durch den Kopf. Das Buch, das mich die letzten Tage und Nächte gekostet hatte, Wochen und Monate. Nun stand er leibhaftig vor mir.
»Was hast du erwartet?«, fragte er. »Dass ich einfach so verschwinden würde, sobald du das Buch zuschlägst? Dachtest du, davonkommen zu können, ohne dass diese Geschichte etwas in dir hinterlässt?«
»Es … es ist nur ein Rohskript. Vielleicht auch ein Schubladenprojekt.«
»Das will ich doch nicht hoffen«, sagte der Schlüsselmeister.
»Ich bin noch lange nicht fertig. Leider – ziemlich frustrierend. Wieder einmal am Anfang eines weiteren Buches, das kein Schwein lesen wird. Der Stundenlohn ist echt miserabel, wenn man sich das mal vor Augen führt. Manchmal frage ich mich, wozu das alles?«
»Weil du dieses Schreibertum liebst, es lebst und aufgeben, nie eine Option für dich wäre. Woher kommen die Zweifel?«, fragte der Schlüsselmeister und sah mir prüfend in die Augen.
Der Blick in die seinen gab mir das Gefühl, in einen tiefen Brunnen zu fallen. Mein Fallschirm – die Wahrheit. Ihm konnte ich nichts vormachen.
»Schriftsteller – das ist immer so einfach gesagt … Niemand, dem ich davon erzähle, weiß, was das wirklich mit sich zieht. Was es bedeutet, sich diesem Schaffen zu verschreiben. All die Wochen, Monate und Jahre, die es in Anspruch nimmt, um aus ein paar Notizen eine Geschichte zu erschaffen, die im besten Fall einige Stunden Unterhaltung bietet. Es ist ein Schattendasein ... Ich denke, du weißt, wie das ist. Klar weißt du es – ich habe dich geschrieben. ›Wir sind die Summe unserer Entscheidungen, derer, die wir trafen und jener, die wir verwarfen‹ – diese Worte habe ich dir in den Mund gelegt …«
Ich war mir nicht sicher, ob ich fasziniert oder eingeschüchtert war, dem Schlüsselmeister zu begegnen. Mimik, Gestik, Erscheinungsbild – genau wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Selbst sein Zauber schien mich zu ergreifen.
»Dann solltest du auch wissen, dass das Warum eines Wunsches stets entscheidender ist als seine Erfüllung«, sagte er mit Blick auf die Stadt am Fuß des Berges. »Manche Dinge liegen in den Händen der Zeit, nicht des Wunschdenkens ... Hier fing es an.«
Die Kirchtürme, die Dächer – der Harz. Als ich vor Jahren hierherzog, begann ich ein neues Leben. So dachte ich. Dieses neue Leben fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen, doch ich zog einen Joker aus den Trümmern. Denn egal wie oft der Stapel neu gemischt wurde – die Leidenschaft zu schreiben blieb mir erhalten.
Ich blickte mich erneut um und begann zu begreifen, wo wir uns befanden.
»Lust auf einen kleinen Ausflug?«, fragte der Schlüsselmeister.
Ich nickte schweigend.
Der Schlüsselmeister führte mich durch das nahe Wäldchen auf eine weitere Wiese.
Im Schatten der Fichten saß mein jüngeres Ich und schrieb in sein Notizbuch.
»Hier hatte ich die Idee zu Mir selbst so fern«, kam es mir in den Sinn. »Ich erinnere mich an diesen Tag. Die Notiz, mit der alles anfing. Der Gedanke, wie es wäre …«
»... mit seinem älteren und jüngerem Ich an einem Tisch zu sitzen«, beendete der Schlüsselmeister meinen Satz. »Eine stille Begegnung mit sich selbst. Dein Gesellenstück, wie du es nennst. Ich gratuliere. Du hast es geschafft. Dich Fassung um Fassung zum fertigen Buch gekämpft, dich wieder und wieder überwunden, um dich endlich Schriftsteller nennen zu dürfen. Trotzdem spüre ich etwas in dir, das der Grund dafür ist, dass es uns zwei heute Nacht zusammenführt.«
»Keine Ahnung ... Im Moment habe ich das Gefühl, auf der Stelle zu treten.«
»So wie du es hier hattest?«, fragte der Schlüsselmeister, zog eine Erstfassung meines Debütromans aus seiner Manteltasche und las daraus vor. »Es gibt Tage, da sitze ich stundenlang über dem Papier und nichts passiert. Doch dann, irgendwann geschieht es. Ich spüre, wie eine Energie mich durchströmt, dieses Kribbeln in meiner Brust. Gedanken wandern aus, werden zu Worten und Worte zu Zeilen, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie jemals jemand lesen wird. Aber eines Tages werde ich sie in die Welt hinauslassen.«
»Mag schon sein, aber zu welchem Preis? Wie viele Jahre meines Lebens? Ich dachte, deine Geschichte sei erzählt. Dabei stehe ich noch am Anfang. Im Moment scheint mir jedes Ziel zu hoch gesteckt …«
Der Schlüsselmeister las weiter.
»Und wenn es auch nur einen Menschen dort draußen gibt, der in ihnen etwas findet, das ihn innerlich berührt oder gar spüren lässt, was ich empfand, als ich sie schrieb, wird eine Brücke geschlagen, die diese Einsamkeit überwindet. Wenn mir das gelingen würde, hätte ich mein Ziel bereits erreicht. Deine Worte, nicht meine. Ich schätze, so geht es allen, die Eigenes wagen. Da solltest du ihn mal fragen«, sagte er und zeigte auf den blonden Wuschelkopf, der aus dem Wald auf uns zukam.
Der kleine Junge – so wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte. Ein Bruchstück meiner Seele in Papierform. Den Zeilen von Mir selbst so fern entstiegen, stand er vor mir und lächelte mich an.
»Immer noch auf der Suche nach der Wahrheit?«, fragte er und ließ mich erstarren.
Er war die Verkörperung all dessen, was mich dazu bewog, dieses Buch zu schreiben.
»Ich weiß nicht … manchmal habe ich das Gefühl, mich dabei zu verlieren. Dem Licht eines Sterns nachzujagen, der längst verglüht ist.«
»Weißt du noch, was Henry kurz vor seinem Tod über die Sterne sagte?«, fragte der Junge und sah zum Himmel, der schlagartig zur Nacht ward und sich funkelnd über dem Berg zeigte.
»Wir Menschen halten uns für so klug …«, erinnerte ich mich an das letzte Kapitel und schluckte.
»… und doch können wir nächtelang vorm Sternenhimmel stehen, ohne zu begreifen, dass bereits einer dieser unscheinbaren Punkte das Zentrum einer ganzen Welt bedeuten kann«, beendete der Schlüsselmeister den Satz.
»Dein Außenseiterdasein war dir nie Hindernis, sondern Antrieb. Woher die Zweifel in deinem Blick?«
»Du weißt um deine Geschichte … Was du warst, was aus dir wurde …«
»Ja … Ich bin Licht und Schatten, Segen und Fluch – auf alle Zeiten gebunden an das Buch«, flüsterte der Schlüsselmeister. Er strich sich durch sein gesprungenes Gesicht und sah zu den Sternen. »Und doch bin ich, was ich bin. Ein Kind der Nacht, Ende als auch Anfang. Fluch und Sehnsucht. Ich bin der Schlüsselmeister und werde es immer sein …«, sagte er und schnipste.
Die Stadt samt Bergwiese zerplatzte wie eine Seifenblase, deren Tropfen auf uns niederrieselten und eine neue Realität erschufen. Das Wohnzimmer meiner ersten Wohnung. Auf dem Tisch stand der Laptop mit der Science-Fiction-Geschichte, die ich nie veröffentlicht hatte. In der Hauptrolle – ein junger Idealist, der der Tristesse der postapokalyptischen Welt entkommt und zu den Sternen fliegt.
»Oder war das dein Gesellenstück?«, fragte der Schlüsselmeister.
»Vielleicht«, bemerkte ich und lächelte. »Meine Oma vermachte mir diesen Laptop, weil sie wollte, dass ich Bücher schreibe.«
»Wohl wegen dem hier«, sagte der Schlüsselmeister und zog ein Buch aus dem Regal.
Beim Anblick des Covers musste ich schmunzeln. Mein kleiner grüner Kaktus. Ein weiteres Buch, das ich nie veröffentlicht hatte. Ich ließ es drucken und verteilte es im Bekanntenkreis. Im Turnverein meiner Oma ging es viral. Es handelte vom Kennenlernen und Zusammenleben meiner ersten großen Liebe. Derweil glücklich geschieden. Nichtsdestotrotz war dies wohl mein eigentliches Debüt. Textlich hilflos, verworren und ohne Frage etwas schrill.
»Warum zeigst du mir das alles?«, fragte ich.
»Um dich zu erinnern. Darum ging es doch in deinem Debütroman. Das Vergessen der eigenen Wurzeln bis zur Selbstentfremdung«, sagte der Schlüsselmeister. Er nahm die Bleistiftskizze, die neben dem Laptop lag und betrachtete das Raumschiff. »Die Starflower. Symbol der Hoffnung und des Neuanfangs. Innerhalb dieses Skriptes begannst du zu begreifen, dass das Schreiben mehr als nur ein Hobby für dich ist – eine Leidenschaft.«
»Wohl wahr. Ohne dieses Buch hätte es die anderen nie gegeben …«, überlegte ich.
Der Schlüsselmeister zog die Zeichnung aus dem Bild und erweckte sie zum Leben. Das Wohnzimmer verglühte wie eine Wunderkerze. Aus dem Funkenregen ergab sich die Weite des Weltalls. Um uns herum funkelten die Sterne. Wir standen auf der wahrgewordenen Skizze der Starflower. Namensgebend für die Science-Fiction-Geschichte, die ich Anfang meiner Zwanziger geschrieben hatte. Ich schmunzelte in mich hinein, als ich mich an den belanglosen Montagmorgen im Berufsverkehr erinnerte, an dem mir die Namensidee kam.
»Warum hast du diesen Roman eigentlich nie veröffentlicht?«, fragte der Schlüsselmeister, während wir auf dem Rücken des Raumschiffs ins All hinausflogen.
»Er unterscheidet sich von meinen heutigen Werken. Ich schrieb ihn mit meiner Fantasie, nicht mit dem Herzen.«
»Würdest du ihm das auch ins Gesicht sagen?«, fragte der Schlüsselmeister.
Hinter ihm trat ein schüchterner Junge hervor. Wuscheliges Haar, dürre Gestalt. Seine Augen waren erfüllt mit jugendlichem Leichtsinn und dem unerschütterlichen Glauben an das Gute. Ich bekam eine innerliche Gänsehaut. Es war Nida, der Hauptcharakter dieses verlorenen Buches. Der ausbrechende Sklave, der seine Hoffnung in den Sternen sah. Eine Geschichte, die erschreckend viele Parallelen zu meiner Ausbildungszeit aufwies. Der Wunsch, sich eines Tages selbst zu verwirklichen und nicht in irgendeinem Hamsterrad zu verenden.
»Tag für Tag stirbt ein Teil von uns. Er ist noch da, er verschwindet nicht. Er wird neugeboren – zum Besseren oder zum Schlechteren«, zitierte der Schlüsselmeister eine Stelle aus dem Buch.
Nida lächelte mich an. Seine Augen waren wie ein Spiegel, in dem ich mich selbst sehen konnte. Den Geist der Zeit, aus dem seine Geschichte hervorging.
»Alles begann mit einem Gedanken, einem einfachen Schritt, der von der gewohnten Richtung abwich. Die Augen vertrauen nur sich selbst, die Ohren den anderen. Einzig und allein das Herz sieht die ganze Wahrheit«, sagte er und verpuffte wie die Starflower in schwarzem Rauch.
Unter unseren Füßen erschien ein riesiges Buch. Die Buchstaben waren menschengroß.
»Im Leben gibt es kein Ankommen, das jemals endgültigen Frieden schafft, ankommen kann nur das Herz. Kommt dir das bekannt vor?«, fragte der Schlüsselmeister. »Die Geschichte eines Außenseiters. Die Reise eines Kuckucks, um die Welt und zu sich selbst. Sie lehrte dich, dass es weder dieses noch das nächste Buch sein wird, das dir Erfüllung bringt. Der Süden ist kein Ziel, kein Ort, sondern ein Gefühl.«
Den Zeilen entstieg eine Taube, die sich wortlos auf den Zylinder des Schlüsselmeisters setzte. Es folgte ein Papagei, der auf seiner Schulter landete. Eine Schleiereule und ein Adler erschienen aus der Dunkelheit. Plötzlich begannen die Buchstaben zu beben und zogen mich in sich hinein.
Ich fand mich an meinem Schreibtisch wieder. Der Ort, an dem ich diese Geschichte geschrieben hatte. Ein Geräusch ließ mich aufschrecken. Der Ruf eines Kuckucks. Ich drehte mich um und entdeckte den kleinen Brutparasiten auf der Dachterrasse. Ich ging hinaus. Der Himmel war leuchtend orange, die Umgebung drumherum verschwommen wie ein unscharfes Foto. Ich breitete die Hand aus und der Kuckuck ließ sich darauf nieder.
»Danke, dass du mich hast fliegen lassen, obwohl niemand an mich geglaubt hat«, sagte er.
Mein Atem stockte. Weniger durch die Tatsache, dass der kleine Brutparasit sprechen konnte – es waren seine Worte, die mir unter die Haut gingen. Zwei Jahre meines Lebens hatte es mich gekostet, diesen Vogel zum Leben zu erwecken. Dabei hatte ich aufgehört zu zählen, wie oft wir gemeinsam in den Süden und wieder zurückflogen.
»Earl«, flüsterte ich verzückt, das lebendig gewordene Produkt meiner Seiten auf Händen zu halten. Es war wie auf einen alten Weggefährten zu treffen.
»Der Kuckuck – jeder kennt seinen Ruf, aber die wenigsten wissen, wie er aussieht. Du hast ihm ein Gesicht gegeben«, sagte der Schlüsselmeister.
»Ich schätze, bei mir ist es andersherum«, seufzte ich mit Blick auf meinen Schreibtisch. »Manchmal habe ich da Gefühl, eine Maske zu tragen. Die Menschen kennen mich als den Kollegen, den Freund und Partner, die wenigsten als den Schreiberling. Im Laufe des Alltags schlüpfe ich in die unterschiedlichsten Rollen. Nur in meinen Texten habe ich das Gefühl, ganz ich selbst zu sein …«
»Genau deswegen solltest du dich nicht vor ihnen stecken. Sie sind ein Teil von dir«, bemerkte der Schlüsselmeister und las eine Stelle aus meinem elften Probedruck von Kuckulores vor.
»Vergiss auf deiner Reise niemals die Dinge, die der Wald dich gelehrt hat. Geduld, Ausdauer und Hoffnung – letztere hast du gefunden. Sie zu erhalten, wird deine größte Aufgabe. Kein Stern wird dir scheinen, wenn du sie erst verlierst ...«
Ich sah auf den kleinen Kuckuck in meiner Hand und lächelte, als dieser zu sprechen begann.
»Es waren vor allem die stillen Stunden, die mich meiner Bestimmung näherbrachten. Ich lernte sie anzuerkennen und nach ihr zu leben – allein zu sein, ohne mich einsam zu fühlen und dem Kribbeln in meinem Schnabel zu folgen – denn das ist es, was Freiheit mir bedeutet. – Du hast sie mir geschenkt. Durch meinen Ruf rettete ich einen ganzen Wald. Ich entkam dem Geier und zuletzt auch meinen Zweifeln, mir je etwas anderes vom Leben gewünscht zu haben, als der zu sein, der ich bin. Wir sind Zugvögel. Ankommen können wir nur in uns selbst«, sagte Earl und flog davon.
Er verschwand vor der Sonne und mit ihm das Licht. Alles um uns herum wurde schwarz.
Der Schlüsselmeister entzündete eine Laterne und führte mich durch die Dunkelheit. Im flackernden Licht der Öllampe zeigte sich eine schwarze Holztür. Der Lack blätterte.
»Ich schätze, du weißt, wo die hinführt«, sagte der Schlüsselmeister, klapperte seinen Bund nach dem richtigen Schlüssel ab und öffnete sie.
Mir war kalt und warm zugleich, während ich ihm auf die andere Seite folgte. Wir standen an einer Klippe. Zu ihren Füßen war nicht etwa das Meer, sondern die Grenzenlosigkeit des Weltalls. Ein Leuchtturm thronte nicht weit entfernt auf den schroffen schwarzen Felsen.
Das Reich des Schlüsselmeisters. In meiner Vorstellung war ich schon oft hier gewesen. Im Lichte der Realität bescherte dieser Ort mir Herzklopfen.
Der Schlüsselmeister sah gedankenverloren in den Abgrund.
»Jedes deiner Bücher war eine stille Reise zu dir selbst. Dieses stellt dich vor unerwartete Herausforderungen. Alte Untiefen, neue Erkenntnisse. Kein Grund zu zweifeln. Du hast es selbst gesagt: Du und ich – wir sind gleich. Lerne aus meinen Fehlern. Um meinen Fluch zu brechen, wirst du deinen anerkennen müssen ... Die Antwort auf die Frage, die dein Leben dir stellt. Du bist ein Schreiberling – dein Herz will es so. Mit allem, was dazugehört.«
»Glaub mir, das versuche ich. Jeden Tag aufs Neue. Trotzdem kommt es mir manchmal so vor, als würde ich in einer Traumwelt leben ...«
»Ist ein Traum nicht auch nur ein Stückchen Realität, das irgendwo tief in uns verwurzelt ist?«, fragte der Junge, der aus der Tür hinter uns hinaustrat.
Er hatte einen Kuckuck auf der Schulter. Ein Mann war bei ihnen. Obwohl ich mir über das Aussehen nie groß Gedanken gemacht hatte, konnte ich spüren, dass es Henry war.
»Ich war ein Träumer, nicht mehr als eine Motte, die dem Licht nachjagt«, sprach er die Zeilen aus dem Buch, das mich drei Jahre meines Lebens begleitet hatte. »Als ich mich das erste Mal daran verbrannte, suchte ich es nie wieder und gab auf. Aber Träume können zu Zielen werden. Nicht in ihrem Erreichen, sondern in dem Bestreben, ihnen gerecht zu werden, liegt die Erfüllung. Im Schreiben fand ich meine. Es braucht tausend nichts nutzender Worte, bis ein wertvoller Satz daraus entsteht. Dem Bildhauer ergeht es nicht anders. Um dem Stein seine Schönheit zu entlocken, wird er tausendmal darauf einschlagen müssen.«
»Woher die Zweifel? Was bringt dich auf die Idee, diesen Weg allein zu gehen? Wie könntest du es jemals sein, solange du sie an deiner Seite hast?«, fragte der Schlüsselmeister.
»Sie … sie sind nicht real. Nur erfunden …«
»Nein – sie sind wie du und ich. Teil dieser Reise. Teil von dir. Der Fußabdruck einer Seele, auf ihrem Weg, sich selbst zu ergründen. Ich hoffe, diese Nacht hat dich ermutigt, meine Geschichte zu Ende zu erzählen – unsere ...«
Warmen Herzens sah ich zu dem Jungen und dem Kuckuck und wusste, dass es nur eine Antwort für mich gab.
»Bei meinem kleinen Finger, das werde ich«, sagte ich und blickte ein letztes Mal zu Henry. Über ihm funkelten die Sterne. Sinnbild so vieler Geschichten, die ich schrieb.
Der Schlüsselmeister lächelte mich an und löste sich in Rauch auf. Alles um uns herum wurde schwarz. Der Nachklang seiner Worte verhallte im Wind.
»Die Nacht kennt Geheimnisse, von denen der Tag nichts weiß, schlafe ein und der Morgige wird deins.«
DIE LEGENDE DES SCHLÜSSELMEISTERS
[ROMAN]
Auf der Suche nach dem Schlüssel zum Glück
Seit dem Tag, an dem Marli in den Besitz eines mysteriösen Zauberbuches kommt, ist seine kleine Welt nicht länger dieselbe. Die Seiten sind leer, doch das Buch hat ein Eigenleben.
Es verspricht ihm, jeden Wunsch zu erfüllen.
Nicht ahnend, dass seine Worte sich tatsächlich bewahrheiten, schreibt Marli seinen ersten Wunsch hinein und begegnet in der Nacht darauf dem Schlüsselmeister. Jenem geheimnisvollen Traumwächter, der seit Anbeginn der Zeilen zwischen ihnen gefangen ist.
Marli ahnt noch nicht, dass sein Schicksal fortan eng mit dem des Schlüsselmeisters verbunden ist ...
WEITERE AUSSICHTEN
ÜBER DEN AUTOR
Timo Schartner - Vollzeitträumer und Teilzeitphilosoph. Ein Phantom zwischen den Zeilen. Jede Geschichte beginnt und endet mit einem einfachen Schritt.
ZWISCHEN DEN WERKEN
Von der ersten Idee bis zur fertigen Geschichte liegt ein langer und steiniger Weg.
BÜCHER
Empathischer Erzählton, poetische Stimme. Zwischen Lyrikbänden und Romanen.
KURZPROSA
Kurzgeschichten und Textfragmente.
POESIE & LYRIK
Gedichte, Gedanken und Wortmalereien aus den Tagebüchern eines Träumers.
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