JUNOS REISE

DAS ERBE DER MATRIARCHIN

[Kurzgeschichte]

Cover Kurzgeschichte Junos Reise

Dies ist die Geschichte von Juno. Einem Waldelefantenkalb am Anfang seiner Reise. Benannt nach dem Monat, in dem sie geboren wurde, irgendwo im tiefen Urwald des Kongobeckens. Als verträumter Freigeist entsprach ihr Temperament eher der Lebhaftigkeit des Frühlings. Wenn alle rechts gingen, ging sie links. Wenn die anderen sich fragten, warum – fragte sie, warum nicht? Sie träumte, weil sie als einziger Elefant im Liegen schlief. Nicht selten stieß sie sich mit ihrer Neugier an dem Grundsatz von – »weil wir das schon immer so gemacht haben« und »weil ich es dir sage«.

Bevor Earl in ihr Leben trat, hatte sie nie ihren Platz in der Herde finden können. Der Kuckuck bestärkte sie, ihrem eigenen Rüssel zu folgen. Er sah etwas in ihr, was sie selbst noch nicht sehen konnte. 

Juno erinnerte ihn an den verunsicherten Jungvogel, der nie daran geglaubt hätte, den Süden mit eigenen Augen zu sehen. Nun war er dort. Das Ende einer langen Reise, das sich schleichend zu einem Neuanfang entwickelte. Denn im Norden nahte das Frühjahr. 

Durch seinen Ruf hatte der Kuckuck die Herde vor dem großen Feuer gerettet. Ein Waldbrand, der die einstige Heimat der Elefanten über Nacht in Asche verwandelte. Der Wald hinter den Hügeln blieb dank der einsetzenden Regenzeit verschont und war der Herde seither ein neues Zuhause. 

Juno saß der Schreck noch immer in den Gliedern. Nun musste sie ein weiteres Mal loslassen. Der Tag des Abschieds war gekommen. Die ganze Herde hatte sich auf dem Hügel zwischen den Tälern versammelt, um Earl zu verabschieden. 

»Und du willst wirklich nicht bleiben?«, fragte Juno mit geknicktem Rüssel. 

»Das würde ich gerne. Aber es ist an der Zeit. Auch für dich. Du kannst dich nicht ewig an meinen Schwingen orientieren. Lerne, auf dich selbst zu vertrauen. Geduld, Ausdauer und Hoffnung. Glaube immer daran und mit etwas Glück werden wir uns nächstes Jahr wiedersehen.« 

»Ich nehme dich beim Wort, Kuckuck«, sagte die Matriarchin. »Denk daran, ein Elefant vergisst nie.« 

»Ein Auf Wiedersehen bedeutet kein Lebewohl. Ich werde das hier auch nie vergessen«, verabschiedete sich Earl und stieg in den Himmel. 

Mit hängenden Ohren schaute Juno ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Der Rest der Herde war bereits gegangen. Nur die Matriarchin blieb mit Juno auf dem Hügel. Durch Earl hatten sie und ihre Enkelin näher zusammengefunden. 

»Meinst du, er wird zurückkommen?«, fragte Juno.
 

»Er ist ein Kuckuck, wer weiß das schon? Seine Heimat ist die Reise, unsere liegt hier im Wald.« 

»Er wird mir fehlen«, seufzte Juno. 

»Ja, mir auch …«, sagte die Matriarchin. »Er hat mir gezeigt, dass das, was uns verbindet, stets mächtiger sein wird als das, was uns trennt. Wäre er nicht gewesen, hätte ich dich damals in dieser Treibsandgrube verloren.« 

»Was ist mit den Menschen?«, fragte Juno mit Blick auf das Aschefeld im benachbarten Tal. Leidvolles Zeugnis des Feuers, das in einer einzigen Nacht zerstörte, was die Natur über Jahrhunderte geformt hatte. An den Berghängen gegenüber glomm ein unnatürliches Lichtermeer in der Dämmerung. Eine anwachsende Bergbausiedlung. Von dort war das Feuer ausgegangen. 

»Wir sollten wachsam sein«, antwortete die Matriarchin. 

»Glaubst du, sie haben das mit Absicht getan?« 

»Wer weiß. Die Menschen verstehen die Natur anders als wir. Dabei ist sie allgegenwärtig. Alles ist miteinander verbunden. Vom einfachen Grashalm bis zum höchsten Baum. Himmel und Erde, Sonne und Mond, Dunkelheit und Licht. Die Menschen sehen die Natur als etwas außerhalb von sich. Darum bekämpfen sie sie. Sie haben sich schleichend von ihr entfremdet und eine Welt geschaffen, die irrationalen Gesetzen folgt.« 

»Was bedeutet irrational?«, fragte Juno. 

»Dass dieser Friede nicht von Dauer sein wird. Sie werden uns als Gefahr ansehen. Wir sollten versuchen, ihnen aus dem Weg zu gehen.« 

»Keine Sorge. Noch einmal werde ich bestimmt nicht heimlich abhauen.« 

»Gut, das hoffe ich. Dir wird eine große Aufgabe bevorstehen …« 

»Was meinst du?« 

»Eines Tages wird es jemanden brauchen, der meinen Platz einnimmt.« 

»Und da denkst du an mich?!«, fragte Juno verwundert. »Für die anderen bin ich doch nur ein überdrehter Jungelefant.« 

»Du irrst dich. In deiner Aufgeschlossenheit fanden sie die Stärke, den neuen Wald anzunehmen und den altbekannten loszulassen. Unsere Heimat liegt weder vor noch hinter diesen Hügeln. Sie liegt in der Herde. Und irgendwann wird es an dir sein, sie daran zu erinnern. Die Hoffnung zu tragen, in Zeiten, da sie keiner sieht, nicht einmal du selbst. Darin liegt die wahre Aufgabe einer Matriarchin.« 

»E… einer Matriarchin? Ich bin jung und unerfahren … Ich werde niemals wie du sein … Als ich den Wald brennen sah, brach eine Welt für mich zusammen. Du hast uns durch das Aschefeld geführt, hierher. Zu unserem neuen Zuhause. Was ist mit Mutter oder Tante Nori?« 

»Um ehrlich zu sein, hatte ich genauso viel Angst wie du. Ich wusste nicht, ob der Wald hinter den Hügeln das Feuer überstanden hat. Aber ich glaubte daran und bewahrte der Herde ihre Hoffnung. Sie ist unser höchstes Gut, wie dein gefiederter Freund stets krächzte. Deine Mutter vermag zu folgen, aber nicht zu führen, und Tante Nori vermag zu führen, aber nicht zu folgen. Du folgst deinem Herzen und denkst jenseits der bekannten Wege. In deinem Alter wird dich diese Eigenschaft noch oft in Schwierigkeiten bringen. Aber du wirst daran wachsen und eines Tages groß genug sein, um in meine Fußstapfen zu treten …« 

Die Matriarchin verabschiedete sich und ließ eine ratlose Juno auf dem Hügel zurück. Während sie den Hang hinuntertrabte, fragte sie sich, wie sie jemals in die Fußstapfen ihrer Großmutter treten sollte. Momentan passte sie noch mit allen vier Stampfern in die Abdrücke, die die Matriarchin im Schlamm hinterlassen hatte. 

In den kommenden Monaten nahm Juno sich Earls Rat zu Herzen und versuchte, auf sich selbst zu vertrauen. Innerhalb der Herde war es nicht immer leicht, dem eigenen Rüssel zu folgen. Dabei lernte sie, dass manche Kämpfe im Innen und nicht im Außen gewonnen werden. Und eh sie sich versah, kehrte Earl zurück. Jedes Jahr zu Anbeginn der Regenzeit. Die Elefanten nannten ihn auch den Regenbringer. Zumindest der Teil der Herde, der ihn nicht als Herumtreiber ansah. 

Während seiner Besuche waren Juno und er unzertrennlich. Der Kuckuck erzählte ihr von der Weite der Welt und Juno stellte sie sich vor. Einmal träumte sie sogar davon. Im Gegenzug zeigte sie Earl die heimische Natur und näherte sich auf den gemeinsamen Streifzügen ihrer eigenen. 

Jahr für Jahr besuchten die beiden das verbrannte Tal, das allmählich zu einer buschigen Graslandschaft herangewachsen war. Die Stelle am Fluss, die Junos Herde einst eine Heimat bedeutete. Hier hatten der Kuckuck und das Elefantenkalb sich kennengelernt. Das Wasser floss noch immer. Nur das Ufer war immer wieder ein anderes. 

Dieses Jahr beobachteten Earl und Juno den Fluss aus sicherer Entfernung, anstatt darin zu baden. Ein paar Häuser standen in der Nähe des Wasserfalls.
 

»Das war dann wohl einmal …«, seufzte Juno. 

»Tut mir leid, Kleines ...«, sagte Earl, der neben ihr im Geäst landete. 

»Das muss es nicht. In meinen Träumen wird dieser Ort weiterleben. Uns bleiben ja noch der Schlummerfelsen und der Wasserblütenteich. Es tat gut, Jahr für Jahr mit dir hierherzukommen und Abschied zu nehmen … Manchmal fehlt uns das Gespür dafür, wenn etwas zum letzten Mal geschieht.« 

»Ja … Gestern war heute noch morgen«, fiepte Earl in sich hinein. »Die Zeit bleibt nicht stehen ... Die Reise in den Süden fällt mir von Mal zu Mal schwerer und dennoch leichter …« 

»Was meinst du?« 

»Nichts, was heute von Bedeutung wäre.« 

Juno senkte traurig den Kopf. 

»Ich habe Angst vor diesem ›morgen‹. Großmutter meint, dass es eines Tages an mir sein wird, die Herde zu führen … Meine Träume machen etwas mit mir. Sie lassen mich zwischen die Zeiten blicken. Die Hälfte der Herde bewundert mich dafür. Seit der Sache mit dem Feuer nehmen sie mich ernster. Für die anderen bin ich das naive Kalb, das im Liegen schläft. Allen voran meine Tante Nori. Ich weiß, dass sie unterbewusst mich dafür verantwortlich macht, dass der Wald verbrannt ist …« 

»Deine Großmutter ist eine weise Elefantin, wenn sie dir die Führung anvertraut.« 

»Ich weiß nicht …«, seufzte Juno. »Mir ist, als würde sie etwas in mir sehen, das in Wirklichkeit nicht da ist …«
 

»Oh nein. Ich sehe es auch. Seit unserem ersten Treffen. Kannst du dich noch daran erinnern?«, fragte Earl und zeigte auf die bunten Blüten am Flussufer. 

»Ein Elefant vergisst nie«, säuselte Juno. Sie schloss die Augen und spürte die Gegenwart des Tages, an dem sie sich kennengelernt hatten. 

 

»Hab Geduld mit dir«, hatte Earl ihr damals gesagt. »Du erinnerst mich an jemanden. Die Welt scheint erschreckend groß zu sein, wenn man in sie hineingeworfen wird. Dieses Gefühl kann erdrückend sein. Nicht zu wissen, wo der eigene Platz in diesem Chaos ist. Aber du wirst ihn finden – genau wie ich.« 

»Du warst einmal wie ich?« 

»Schlimmer noch.« 

»Kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin anders als die meisten Mitglieder meiner Herde … langsamer, unerfahrener und im Stehen schlafen kann ich auch nicht. Ich habe weder die Kraft meines Onkels noch die Weisheit meiner Großmutter. Mutter sagt immer, ich könne nicht den ganzen Tag mit Spielen verbringen. Die anderen sind oft genervt von mir. Sie sagen, meine Neugier wird mir irgendwann zum Verhängnis werden …« 

»Beileibe nicht, Kleines. Erhalte dir deine Neugier. Nur durch sie kannst du wachsen. Sieh dir diese Pflanze an. Ihr Stiel hat sich aus dem Schatten ins Licht gekämpft. Er hat Sturm, Regen und Fressfeinden getrotzt. Dadurch wurde er dicker. Stark genug, um diese Blüte hervorzubringen, die wir hier nun sehen.« 

»Du meinst, ich werde eine Blume sein?« 

»Das bist du bereits. Folge deinem Instinkt oder wie ihr Grauhäuter es auch nennen mögt. Bleib bei dir, bewahre dir diesen Eigensinn und vertraue darauf, dass du durch ihn eines Tages erblühen wirst wie diese Blume.« 

 

Juno schluckte im Angesicht der Gegenwart. Betrübt dachte sie an die Zeit, in der sie noch mit allen vier Stampfern in den Fußabdruck ihrer Großmutter gepasst hatte. Nun waren es nur noch zwei. 

»Was ist, wenn ich noch nicht bereit dafür bin?«, überlegte sie laut. 

»Das wirst du sein, wenn es so weit ist«, sagte Earl und dachte an den Jungvogel, der zu verängstigt war, um zu fliegen. »Eines Tages wirst du dich umdrehen, zurückblicken und dich fragen, wie all diese Steine auf deinem Weg dir jemals ein Hindernis gewesen sein konnten. Als ich damals aus dem Nest fiel, schaffte ich nicht einmal drei Flügelschläge. Mein größtes Hindernis war immer ich selbst. Vermutlich endet es nie. Wir müssen uns Schale um Schale aus dem Ei kämpfen. Wieder und wieder. Die Welt wird stets die Nächste bereithalten. Jede Reise, und sei sie noch so groß, beginnt und endet mit einem einzigen Schritt. Und auch wenn je der dieser Schritte von Bedeutung sein mag, ist ihre Anzahl im Grunde unwichtig. Entscheidend ist einzig und allein die Tatsache, wie oft wir bei dem Versuch, unsere Reise zu beschreiten, hinfielen und wieder aufstanden. Vertraue darauf und du wirst bereit sein.« 

»Ich weiß nicht … Tante Nori ist da anderer Meinung und Mutter würde es niemals akzeptieren. Sie sind ständig im Streit. Großmutter bringt sie immer wieder zusammen. Wenn sie nicht mehr ist …« 

» … wird es an dir liegen, die Herde zusammenzuhalten. Ich bin ein Zugvogel, ich verstehe nicht viel von eurem Sozialgefüge, dabei läuft es doch letztendlich immer auf dasselbe hinaus. Loslaufen, scheitern, fallen, wieder aufstehen. Ewig ist der Wandel … Du wirst deinen Weg gehen, so oder so. Dessen bin ich mir sicher.« 

»Ja …«, seufzte Juno und sah zu der Stelle am Fluss, wissentlich, dass es das letzte Mal gewesen war. Ein stiller Abschied, der noch lange nachhallte.

Earl flog in den Norden zurück und Juno wuchs zu einer jungen Elefantenkuh heran. Die Stelle am Fluss wurde zur Erinnerung. Mancher Nächte gewann sie an Schärfe, wenn Juno davon träumte. 

Die Elefanten hielten sich bedeckt. Solange sie der Siedlung hinter den Hügeln nicht zu nahekamen, gab es nichts zu befürchten. Leben und leben lassen lautete die unausgesprochene Regel der neuen Nachbarschaft. Doch die Stimmen, weiter in den Wald zu ziehen, wurden von Tag zu Tag lauter. 

»Die Herde wird unruhig. Wir brauchen Klarheit. Bleiben oder gehen. Deine Stimme zählt ...«, sagte die Matriarchin, als sie sich eines Abends zu ihrer Enkelin auf den Hügel gesellte.

Seit Wochen hielt Juno Ausschau. Doch Earl war spät dran. 

»Ich kann hier nicht weg«, seufzte Juno. »Nicht ohne ihn. Der Wald ist trocken … Die Regenzeit lange überfällig. Er müsste jeden Tag kommen.« 

Die Matriarchin senkte traurig den Kopf. 

»Seit dem großen Feuer sind zehn Jahreswechsel vergangen. Eine Ewigkeit in Vogeljahren.« 

»Was willst du damit sagen?« 

»Dass es Zeit wird, eine Entscheidung zu treffen«, sagte die Matriarchin.

»Und wenn Earl kommt und wir fort sind?«

»Dann wird er uns finden. Dieser Kuckuck steckt voller Überraschungen.«

»Du sagst, meine Stimme zählt. Was ist mit deiner?«, fragte Juno und sah zu ihrer Großmutter auf, die sich bislang ebenfalls enthalten hatte.

»Unwichtig. Ohne dich werde ich nicht gehen. Die Herde ist gespalten. Du musst dich entscheiden. Deine Mutter sagt, es wäre besser zu bleiben. Hier geht es uns gut. Die Menschen kommen näher, aber sie tun uns nichts, solange wir im Schatten leben. Anderswo könnte es schlimmer sein. Deine Tante ist da anderer Meinung. Menschen und Elefanten sollten nicht so dicht zusammenleben.«

»Und wenn wir gehen? Wohin wirst du uns führen?«

»Zu einem Ort, von dem die Ältesten erzählten, als ich noch in deinem Alter war. Gundajarmo. In der Sprache unserer Vorfahren bedeutet das Heimat.« 

»I… ich habe ihn gesehen …«, glaubte Juno, sich zu erinnern. »In meinen Träumen … Ein See. Kleiner als dieser hier. Abgeschieden, weit weg von den Menschen. Die Blumen blühen in den buntesten Farben. Farben, für die ich nicht einmal einen Namen habe. Und das Wasser ist so klar, dass sich selbst die kleinste Wolke darin widerspiegelt – ein Stück Himmel auf Erden.« 

»Dann wirst du auch gesehen haben, dass es nur eine Entscheidung für uns gibt ...« 

»Ich weiß nicht … Manchmal beschleicht mich dieser Albtraum. Ein Feuer – Vergangenheit oder Zukunft – ich kann es nicht in Zusammenhang bringen. Jedes Mal fühle ich mich hilflos. So wie damals ...«, seufzte Juno und blickte traurig zum Himmel. »Ich brauche Earl … Es tut mir leid. Ich kann jetzt noch keine Entscheidung treffen.« 

»Dann lass mich wissen, wenn es so weit ist«, sagte die Matriarchin und verabschiedete sich. 

Als Juno später zur Herde zurückkehrte, bemerkte sie, dass ihr Ballen längst in den Fußabdruck ihrer Großmutter passte. Mit einem mulmigen Gefühl in der Brust legte sie sich am Seeufer schlafen. Unwissentlich, dass es das letzte Mal gewesen war. 

In der Nacht darauf drohte ihre Welt ein weiteres Mal zu zerbrechen. Die Herde war in Aufruhr, als Juno verschlafen die Augen öffnete. Der Himmel war rot. Flammen! Der Wald brannte! Der ganze Dschungel war in Bewegung. Aufgerüttelt durch Junos wahrgewordenen Albtraum. Das alles verschlingende Feuer! Rauch lag in der Luft. Der Atem brannte in der Lunge. Inmitten des Durcheinanders entdeckte Juno die Matriarchin, die lauten Rüssels das Signal zur Flucht gab.

Juno lief so schnell, sie konnte. Tiefer und tiefer in den Wald. Sie war so sehr auf ihre Beine fokussiert, dass sie nicht bemerkte, wie sie sich vom Rest der Herde entfernte. Erst als sie vor Erschöpfung zusammenbrach, sah sie sich um und stellte fest, dass sie allein war.

Mit klopfendem Herzen irrte sie durch das Dickicht, doch die anderen waren fort. Die nahe Feuerfront tauchte den Nachthimmel in ein unheilvolles Licht. Plötzlich spürte Juno etwas auf ihrer Haut. Ein Tropfen, dann zwei – es begann zu regnen. Das Zischen der Flammen erklang im Wind. Der Regen erstickte das Feuer und floss in Strömen vom Dunst verhangenem Himmel.

Juno schrumpfte innerlich auf die Größe des Elefantenkalbs, während sie den verkohlten Wald betrat. Es war wie damals. An dem Tag, als Earl die Herde vor dem ersten großen Feuer gerettet hatte. Die nebelverschleierten Baumgerippe wirkten wie finstere Ungeheuer, die nach ihr zu greifen drohten.

Juno stoppte und hielt inne. Vor ihr war ein großer Schatten im Nebel. Sie trat näher und erkannte die Umrisse eines liegenden Elefanten darin.
 

»Großmutter!«, durchzuckte sie der Schreck. 

Ihre Beine knickten unter der Last ihres Herzens zusammen. 

»Du musst jetzt stark sein, Kleines«, sagte der Kuckuck, der auf dem Baumgerippe daneben saß.

»Nein … nein, das kann nicht sein … das darf nicht sein …«, stammelte Juno, als sie den kalten Rüssel ihrer Großmutter berührte.

»Wo sind die anderen?«, hallten Earls Worte durch die Leere in ihrem Kopf.

»Ich … ich weiß es nicht … Ich habe sie verloren …«, schluchzte Juno und kauerte sich an den leblosen Körper der Matriarchin. »Großmutter … Hätte ich nur nicht so lange gewartet …« 

»Wir müssen hier weg. Der Rauch bringt den Tod. Wenn wir bleiben, wird es uns nicht anders ergehen«, drängte Earl, doch Juno blieb stur.

»Ich kann nicht …«, schluchzte sie.

»Du musst ...«

Juno konnte sich nicht rühren. Ihr war, als wäre sie mit dem Boden verwachsen. Die Schwere des Augenblicks raubte ihr jedwede Kraft.

»Also schön – ohne dich werde ich auch nicht fliegen«, krächzte Earl.

Während er dort saß und spürte, wie der Rauch sich in die Lunge fraß, erinnerte er sich an seine erste Reise. Der Flug über die Wüste. Stundenlang hatte er sich an dem Ast festgekrallt. Entkräftet und verdurstet, während die hungrigen Füchse am Stamm auf ihn lauerten. Nun war es der Rauch. Earl merkte, wie ihm langsam schwarz vor Augen wurde. Erschöpft fiel er vom Stamm. 

Juno löste sich aus ihrer Starre. Sie schnappte den Kuckuck und brachte ihn in Sicherheit.

»Nicht auch noch du«, schnaufte sie außer Atem und legte Earl im Gras ab.

»Es braucht schon mehr, um einen Brutparasiten aus der Reserve zu locken«, krächzte Earl, als er wieder zu sich kam. »Ich bin dieses Jahr spät dran ... Zu spät. Doch als ich ankam, war sie noch am Leben. Ihre letzten Worte waren Juno und Gundajarmo.

Juno wurde hellhörig. 

»Sie sagte, du würdest wissen, was zu tun ist …«, sagte Earl und sah fragend zu Juno auf. 

»Gundajarmo …«, summte sie. »Das bedeutet Heimat in der Sprache meiner Vorfahren. Wir müssen die anderen finden …« 

»Sehr gut, das ist die Elefantin, die ich kenne. Was glaubst du, wo sie sind?« 

»Sie liefen Richtung Osten … Alles ging so schnell … Es war wie damals ...« 

»Tut mir leid, Kleines. Sehen wir besser zu, dass wir die Herde finden«, sagte Earl und flog mit zitternden Schwingen voraus. 

Juno fühlte sich so schwach und hilflos wie an dem Tag, an dem sie mitansehen musste, wie der Wald zum ersten Mal in Flammen aufging. Ihre Schritte waren schwer, doch ihr Herz gewann an Leichtigkeit, während sie den Kuckuck vor sich durchs Unterholz fliegen sah. Wie in alten Zeiten. Wo war sie nur geblieben – diese Zeit? Die Matriarchin war tot. Junos Beine brachen zusammen, als die Realität ihr durch die Glieder fuhr. Der Atem blieb ihr im Rüssel stecken. 

»Es ist alles nur meine Schuld«, schluchzte sie. 

Earl landete vor ihr auf dem Boden. 

»Nein, ist es nicht. Wäre ich eher da gewesen, wäre all das nicht passiert.« 

»Wer weiß das schon …« 

»Du maßt es dir zumindest an. Deine Großmutter hat dich seit deiner Kindheit auf diesen Tag vorbereitet. Gestern war heute noch morgen – auch für mich … Weißt du noch, das letzte Mal am Fluss? Du sagtest: Manchmal fehlt uns das Gespür dafür, wenn etwas zum letzten Mal geschieht. Meine Schwingen sind müde, meine Federn alt und spröde. Mein Leben lang habe ich auf meinen Schnabel vertraut. Das Kribbeln wird schwächer. Er sagt mir, dass der Flug in den Norden mein letzter sein wird. Von daher bleibt uns nicht viel Zeit. Gerade genug für ein letztes Abenteuer. Also steh auf und wälze dich nicht in Schuldgefühlen. Die Herde braucht dich. Du bist eine Blume. Es ist an der Zeit zu blühen …« 

Sagte Earl und flog Richtung Osten. Juno raffte sich auf und trottete ihm nach. Sie entdeckten Spuren der Herde und folgten ihnen durch Sumpf und Felder. Vorbei an Menschensiedlungen und Straßen. Zwei Tage und zwei Nächte, bis Juno zu erschöpft war, um weiterzulaufen. 

Earl wachte über sie, solange sie schlief. Der Traum jener Nacht führte Juno nach Gundajarmo. Ein schwacher Lichtblick inmitten des Dunkels, in das der Tod ihrer Großmutter sie geworfen hatte. 

Bei Tagesanbruch ging es weiter. Earl spähte die Umgebung aus und kehrte mit froher Kunde zurück. Er hatte die Herde gefunden. Sie war in einer kleinen Schlucht wenige Kilometer von ihnen entfernt. Noch vor Sonnenuntergang trafen er und Juno dort ein. 

Die Felswände am Eingang wirkten beengend. Im hinteren Teil der Schlucht war ein kleiner Wald. An einem modrigen Tümpel stießen sie auf die Herde. Die Freude des Wiedersehens wandelte sich in ein sorgsames Schweigen, als Juno vom Schicksal der Matriarchin erzählte. 

Unruhe brach aus. Manche Elefanten sprachen ihrer Tante Nori die Führung zu, die dafür war, weiter in den Wald zu gehen. Andere Junos Mutter. Diese war Stimme derer, die in der Schlucht bleiben wollten. Die Herde trötete wild durcheinander. Eine Meinung übertönte die andere, als wäre sie die einzig Richtige. Juno sah sich um und blickte in die streitenden Gesichter. 

»Elefanten sollten nicht versteckt leben.« 

»Hier haben wir alles, was wir brauchen.« 

»Wir müssen weg.« 

»Die Menschen finden uns nicht an diesem Ort.« 

»Gundajarmo«, flüsterte Earl Juno ins Ohr. 

Ein wärmendes Gefühl breitete sich in Junos Brust aus. Sie schritt in die Mitte der Herde und trötete, so kraftvoll sie konnte, bis auch der letzte Elefant still war und sich ihr zuwandte. 

»Ich kann verstehen, dass ihr erschöpft seid, verängstigt, verunsichert«, sagte Juno und blickte in das fragende Gesicht ihrer Mutter. »Großmutter ist nicht mehr ... Von nun an müssen wir unsere eigenen Wege finden. Gemeinsam ... Sicher wäre es ein schöner Gedanke, zu verweilen. Bleiben, Ankommen, ruhen. Doch alles zu seiner Zeit. Tante Nori hat recht. Hier sind wir nicht sicher. Wenige Tagesmärsche von dieser Schlucht entfernt befinden sich zwei Menschensiedlungen. Großmutter hat von einem Ort gesprochen, an dem wir sicher wären. ›Gundajarmo‹. Das bedeutet Heimat in der Sprache unserer Vorfahren. In meinen Träumen kann ich ihn sehen.« 

»Und darauf sollen wir vertrauen?«, rief ein Elefant aus zweiter Reihe. 

»Nein. Aber wenn ihr wollt, könnt ihr daran glauben. Ich berufe eine Abstimmung ein«, sagte Juno und setzte dabei auf das Mehrheitsrecht der Herde, das seit Urzeiten über deren Schicksal bestimmte. 

Die meisten stimmte dafür, fortzugehen. Junos Mutter und ein kleiner Teil der Herde hielten dagegen. Sie wollten bleiben. 

»In dieser Schlucht geht es uns gut«, sagten sie. »Die Menschen werden uns nicht finden. Wir haben hier alles, was wir brauchen. Es ist nicht viel, aber es reicht.« 

»Elefanten sollten sich vor niemandem verstecken. Sie sind dazu bestimmt, frei zu sein«, trötete Nori mit Verachtung. »Ich verspreche euch kein Gundajarmo, aber die Freiheit. Wer das genauso sieht, kommt mit mir«, forderte sie die Herde auf, ihr zu folgen. 

Ein kleiner Bruchteil blieb zurück. Juno stand zwischen den Gruppen. 

»Komm schon Mutter. Du weißt, dass ihr hier nicht ewig bleiben könnt.« 

»Wozu noch weiterlaufen, wenn wir doch überall vertrieben werden?«, entgegnete ihre Mutter mit gesenktem Haupt. »Geh ruhig mit ihnen. Ich weiß, du kannst nicht anders. Du hattest schon immer den Drang in dir, die Welt zu erschließen. Aber wir möchten hier zur Ruhe kommen. Bitte versteh das, mein Kind …« 

»Ich kann dich doch nicht zurücklassen … Ich habe bereits Großmutter verloren. Die Herde braucht Zusammenhalt. Wir sind nun auf uns gestellt …«
 

»Nein Juno. Jeder ist auf sich gestellt. In Noris Herde wäre nie genug Platz für mich und die anderen.« 

Juno versuchte verzweifelt, ihre Mutter umzustimmen, doch stieß auf taube Ohren. So blieb ihr nur der Abschied. Sie musste sich beeilen, um die Herde einzuholen. Unter der Führung von Nori zogen die Elefanten Richtung Norden. Querfeldein über hohe Berge und breite Flussarme. Unbarmherzig und ohne Rast. Ein Tempo, das die Älteren unter ihnen nicht lange durchhielten. Als eine betagte Elefantenkuh vor Erschöpfung zusammenbrach, zog Nori sie wieder auf die Beine und trieb die übrigen zur Eile an. Erst als weitere Elefanten auf die Knie gingen, legten sie eine Zwangspause ein. 

Juno fielen auf der Stelle die Augen zu. Während sie ruhte, hatte sie einen lebhaften Traum. Die Schlucht – Menschen – ihre Mutter und die anderen waren in Gefahr. 

»Wir müssen umkehren. Etwas Schlimmes wird passieren«, versuchte sie, ihre Tante umzustimmen. 

»Wegen eines närrischen Traumes?«, blaffte Nori sie an. »Nein. Dafür sind wir zu weit gelaufen. Die anderen haben ihre Entscheidung getroffen.« 

»Die anderen? Du redest von meiner Mutter. Deiner Schwester. Und dem Rest der Herde. Großmutter sagte immer, unsere Heimat sei an keinen Ort gebunden, sondern genau hier – in dem, was uns verbindet. Bitte. Wir müssen zurück und nach ihnen sehen«, beharrte Juno. 

»Du tust ständig so, als ob du sie am besten gekannt hättest«, trötete Nori abfällig. »Ihr geliebtes Junges. Das war ich auch einmal. Aber dann kam deine Mutter. Ein verweichlichter Jungelefant, der schon immer von seiner Angst geleitet wurde. In dem, was er sagt, in dem, was er tut. Unsere Zukunft liegt weiter im Wald. Nur die Stärksten überleben hier draußen.« 

»Das stimmt nicht«, sagte Earl, der die Unterhaltung von Junos Schulter aus mitverfolgt hatte. »Hier draußen überlebt, wer aufeinander Acht gibt. Weil Zusammenhalt die eigenen Schwächen in Stärken verwandeln kann.« 

»Misch dich nicht in unsere Angelegenheiten ein, Kuckuck«, fauchte Nori. 

»Sie hat dich vielleicht geduldet, aber ich …« 

»Großmutter fehlt mir genauso sehr wie dir«, fiel Juno ihr ins Wort. »Die Vorstellung fällt mir schwer, dass sie von uns ist … Aber sie ist in uns, solange wir ihr Erbe weitertragen«, sagte Juno und schien dabei etwas in Nori zu wecken, die entgeistert zu ihrer Nichte aufblickte. »Großmutter hätte niemanden zurückgelassen. Sie glaubte ihr Leben lang an die Einheit der Herde. Wenn wir jetzt weitergehen, werden wir all das verraten.« 

Nori sah in sich gekehrt in die Ferne. 

»Vielleicht … Sie wusste immer, was zu tun ist …« 

»… das Richtige«, sagte Juno. »Wenn du in dich hineinhörst, weißt du es auch ...« 

Nori überlegte nicht lange und gab das Signal zum Aufbruch. Die Herde machte sich auf den Weg und kehrte zu der Schlucht zurück, in der sie die anderen zurückgelassen hatte. 

Die Felsen waren bereits in Sicht, als plötzlich laute Geräusche zu hören waren. Geräusche, die nichts Gutes vermuten ließen. Juno konnte sie nicht zuordnen. Earl kannte sie nur zu gut. Es war das Dröhnen von Motoren. 

»Menschen – in Deckung«, warnte der Kuckuck die Elefanten und scheuchte sie ins nahe Dickicht. 

Fahrzeuge kamen die Anhöhe hinunter und fuhren in die Schlucht. 

Earl flog davon und kehrte bald darauf mit schlechten Neuigkeiten zurück. 

»Was haben die hier zu suchen?«, grummelte Nori. 

»Wilderer. Vermutlich sind sie wie Juno und ich der Spur von den Feldern gefolgt. Sie scheinen von den anderen zu wissen.« 

»Worauf warten wir? Zerstampfen wir sie«, knurrte Nori. 

»Kein guter Plan …«, überlegte Juno. 

»Hast du einen besseren?« 

»Was meinst du dazu?«, wandte Juno sich an Earl. 

»Sie haben Waffen. Ein Frontalangriff wäre keine gute Idee. Vielleicht könnten wir einige retten, aber der Preis dafür wäre hoch.« 

»Du vertraust das Schicksal der Herde einem Vogel an?«, trötete Nori entrüstet. 

»Einem Freund …«, sagte Juno. »Earl ist unzählige Male um die Welt geflogen und hat lange genug bei den Menschen gelebt, um sie zu verstehen. Ich habe es in meinen Träumen gesehen … Wenn wir kopflos dort reinlaufen, wird die Sache kein gutes Ende nehmen …« 

»Was wäre die Alternative?«, fragte Nori skeptisch. »Wir sind Elefanten, keine Vögel. Wir können nicht so einfach davonfliegen wie er. Aus dieser Schlucht führt nur ein Weg heraus …« 

»Das stimmt nicht«, durchzuckte es Juno. Sie schloss die Augen und dachte an ihren Traum zurück. »Da ist eine brüchige Felswand. Earl – gibt es einen Weg auf die Klippen?« 

»Ja, den gibt es. Hinter den Hügeln dort drüben.« 

»Sehr gut. Du wirst die Menschen ablenken und uns etwas Zeit verschaffen«, sagte Juno und wandte sich an Nori. »Damit das funktioniert, brauchen wir die ganze Herde. Bitte, du musst mir vertrauen …« 

»Mutter wusste immer, was zu tun war«, sagte Nori und sah nachdenklich zu den anderen, die erwartungsvoll zu ihnen aufblickten. »Das Richtige … Was immer das sein mag. Du erinnerst mich ein wenig an sie. Diese Entschlossenheit in deinem Blick – die Hoffnung, die viele unter uns verloren haben. Mich eingeschlossen …« 

»Großmutter sagte, sie sei unser höchstes Gut ... Kann ich auf euch zählen?« 

»Ja, das kannst du. Verlieren wir besser keine Zeit «, sagte Nori. 

Sie gab das Zeichen zum Aufbruch und die Herde erklomm unter Junos Führung die Felsen. 

Währenddessen flog Earl zu den abgestellten Autos der Wilderer und drückte die Hupen. Ein kleiner Trick, den er von Stadttaube Norbert gelernt hatte. Die Menschen sprangen fast immer darauf an. So auch die Jäger, die vorerst davon absahen, weiter in die Schlucht vorzudringen und stattdessen die Geräuschquelle suchten. 

In der Zwischenzeit führte Juno die Herde zu der Stelle aus ihrem Traum. Eine zehn Meter hohe Klippe, die sie von den anderen im Inneren der Schlucht trennte. 

»Und nun?«, fragte Nori. 

»Bringen wir einen Fels zu Fall. Los! Wir müssen stampfen«, rief Juno und begann, mit ihren Füßen so fest sie konnte auf den Boden aufzutreten. 

»Alle!« 

Die Herde zögerte. Nori machte den Anfang. 

»Na los, ihr habt sie gehört!«, trötete sie und stampfte. 

Weitere Elefanten taten es ihr gleich. Erst einer, dann drei, bis die ganze Herde den Glauben in sich trug, Berge zu versetzen. Junos Zuversicht loderte in ihren Füßen. Der Boden bebte. Plötzlich lösten sich mehrere Felsen von der Klippe. Es gab einen Erdrutsch, der die gesamte Oberkante zum Einsturz brachte. Juno rettete sich auf einen Vorsprung und trötete das Signal zur Flucht. So laut, dass selbst Earl es hören konnte. 

Derweil hatten die Wilderer den Störenfried ausfindig gemacht und schossen nach ihm. Die Kugeln zischten an Earls Daunen vorbei. Eine verkohlte ihm die Schwanzfedern, doch Earl flog weiter und weiter, bis die Menschen außer Sichtweite waren und er auf die Herde traf. 

Die Elefanten waren unruhig und tröteten wild durcheinander. 

Juno stand am Rande des Ganzen und dachte an die Worte ihrer Großmutter: 

Unsere Heimat liegt weder vor noch hinter diesen Hügeln. Sie liegt in der Herde. Und irgendwann wird es an dir sein, sie daran zu erinnern. Die Hoffnung zu tragen, in Zeiten, da sie keiner sieht, nicht einmal du selbst. Darin liegt die wahre Aufgabe einer Matriarchin. 

»Dort entlang«, sagte Juno und trabte voller Zuversicht durch die zankende Meute, die schlagartig verstummte. 

»Wohin willst du?«, fragte ihre Mutter. 

»Gundajarmo.« 

»Ach ja? Und du kennst den Weg?«, grummelte Nori skeptisch. 

»Der Weg lautet Hoffnung. Es ist mehr als eine Himmelsrichtung, die ihn ausmacht. Zunächst sollten wir Abstand zu den Menschen gewinnen. Sie werden uns folgen, uns jagen – doch nicht in Gundajarmo. Dort werden wir sicher sein.«
 

»Du willst also einfach so in diese Richtung dort spazieren?«, haderte ihre Mutter. 

»Nein, nicht einfach so. Wie Großmutter einst sagte: Die Herde ist unser Zuhause. Und wenn auch nur ein Elefant unter uns ist, der diesen Gedanken mit sich trägt, ist nicht das Geringste verloren, sondern alles gewonnen. Großmutter wird in uns weiterleben, solange wir ihr Andenken bewahren. In jedem Einzelnen von euch«, sagte Juno und blickte zu Earl. »Ein Zuhause findet sich nicht über Nacht, sondern allein in uns selbst. Ich weiß nicht, ob es Gundajarmo wirklich gibt, aber in meinen Träumen habe ich diesen Ort gesehen und ich glaube an ihn. Wer ebenfalls den Mut dazu aufbringt, daran zu glauben, ist herzlich eingeladen, mit mir zu kommen.« 

Die Herde ergab sich Junos Zuversicht und folgte ihr Richtung Nordosten. Earl wusste, wie die Menschen ticken, und half den Elefanten, falsche Fährten zu legen. So lange, bis die Wilderer ihre Spur verloren. 

Juno hielt sich an ihre Träume und führte die Herde tiefer und tiefer in den Wald. Im Zuge der Wanderung übertrug sich ihre Hoffnung auf die anderen und bestätigte sich, als sie eines Tages den abgeschiedenen See mit den bunten Blumen entdeckten. Gundajarmo. Ein Tag der Freude und Trauer in sich vereinte. Denn dem Ankommen stand der Abschied gegenüber. Für Earl kam der Augenblick, in den Norden zurückzukehren. 

»Also dann Kleines – ich schätze, es ist an der Zeit Lebewohl zu sagen.« 

»Ein Abschied bedeutet noch kein Lebewohl, hast du mal gesagt«, entgegnete Juno mit geknicktem Rüssel. 

»Dieser schon …« 

»Was hast du nun vor?«, fragte Juno, während sie gemeinsam die untergehende Sonne beobachteten. 

»Hinter dem Meer gibt es eine kleine Stadt in den Bergen. Sie scheint mir ein geeigneter Ort zu sein, um zur Ruhe zu kommen. Außerdem habe ich einem alten Tauberich ein Versprechen gegeben.« 

»Manchmal fehlt uns das Gespür dafür, wenn etwas zum letzten Mal geschieht ...«, seufzte Juno mit hängenden Ohren. »Mein Gefühl sagt mir, dass das unser letztes Mal war. Danke ... Für alles. Ich hoffe, du findest dort dein eigenes Gundajarmo.« 

Earl wandte traurig seinen Blick ab und sah auf die Blumen am Seeufer. 

»Es war mir eine Freude und zugleich die größte Ehre, Teil dieser Herde gewesen zu sein. Sie baut nun auf dich. Pass gut auf sie auf. Deine Großmutter wäre sehr stolz auf dich. Sie bat mich, dir noch etwas zu sagen, wenn der Augenblick gekommen wäre. Ich denke, das ist er und wahrscheinlich weißt du es längst. Gundajarmo hat nie existiert. Sie säte die Hoffnung und sah sie in dir. Du bist etwas ganz Besonderes, Juno. Blühe – und höre niemals damit auf.« 

Earl breitete die Flügel aus und verschwand im Abendrot am Horizont. 



- E N D E -

Was zuvor geschah:

KUCKULORES

[ROMAN]


FREMD IM EIGENEN NEST
Begleite den flugängstlichen Kuckuck Earl auf seiner Reise zu sich selbst. Eine Erzählung für all jene, die das Gefühl nur zu gut kennen, hinter sich selbst zurückzubleiben.

Als  Hardcover, Taschenbuch & Ebook erhältlich

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ÜBER DEN AUTOR

Timo Schartner - Vollzeitträumer und Teilzeitphilosoph.  Ein Phantom zwischen den Zeilen. Jede Geschichte beginnt und endet mit einem einfachen Schritt. 

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Von der ersten Idee bis zur fertigen Geschichte liegt ein langer und steiniger Weg. 

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