Earl hatte den Wald verlassen, um von den Menschen zu lernen, wie er die Natur überwinden konnte. Als Kuckuck fiel es ihm schwer, einen Bezug zu seiner eigenen zu finden. Den Flug in den Süden hatte er verpasst. Nun zog er mit Norbert um die Häuser. 
Der Tauberich war nach eigener Aussage kein Menschologe, dennoch hatte er als stiller Beobachter allerhand über diese nackten Affen gelernt. 

Nachdem die beiden sich vor einem Schmalzkuchenstand die Schnäbel vollgeschlagen hatten, landeten sie zum Verdauen auf einer kleinen Dachterrasse. 

Durch die Glastür konnte man ins Innere der Wohnung sehen. Dort saß ein Mann am Schreibtisch und tippte wie von einer Hornisse gestochen auf das bunt leuchtende Rechteck vor sich. 

»Da zupf mir einer die Federn. Was ist denn mit dem los?«, fragte Earl. 

»Ach der«, gurrte Norbert erheitert. »Du würdest dich wundern. Ich beobachte das Kerlchen schon seit Wochen. Putzig. Erinnert mich ein bisschen an dich.« 

»Wieso? Möchte er auch nicht in den Süden fliegen?« 

»Kuckulores. Natürlich würde er das gerne. Aber er hat Wichtigeres zu tun. Sein Süden liegt irgendwo zwischen diesen Seiten. Um es dir in deiner Waldsprache zu erklären – auf das Ding da einzuklopfen ist seine Natur. Das, wofür er gemacht ist.« 

»Du meinst, sein Weg am Dach der Welt zu kratzen?«, fragte Earl und erinnerte sich daran, dass die Eule ihm gesagt hatte, dass jedes Lebewesen seine Bestimmung hätte. 

»Ja, meinetwegen auch das.« 

»Und was genau tut er da?« 

»Er schreibt unsere Geschichte. Genau genommen deine. Je länger er das tut, umso mehr wird es auch zu seiner. Sucht Sinn, sucht Worte. Schwer das zu erklären. Sagen wir, er legt ein Ei in Buchform.« 

»Was ist ein Buch?«, fragte Earl neugierig. 

Norbert zuckte mit den Schwingen. 

»Stummes Gezwitscher, das bei denen, die es hören können, Anklang findet. Die Tonlage ist Geschmackssache. Frag mich etwas Leichteres, ich bin eine Taube. Mein Instinkt ist aufs Fressen programmiert.« 

Als der Mann plötzlich aufstand und auf die Tür zuging, wurde Earl unruhig. 

»W... Warum sieht der uns so an? Was macht der da mit diesem Ding?« 

»Beruhig dich«, gurrte Norbert. »Er möchte nur ein Foto von uns machen. Vermutlich findet er seine Geschichte authentischer, wenn wir ihm beim Schreiben zusehen.« 

»Bei dem piepst es wohl. Das wird mir zu heiß, ich haue lieber ab«, krächzte Earl. Das Aufeinandertreffen mit der Bäckerin, die ihn mit ihrem Besen vom Tresen geprügelt hatte, steckte ihm noch in den Federn. 

»Hey, wo willst du denn hin?!«, rief Norbert ihm nach, doch Earl war längst verschwunden. 

Mehr von Earl und Norbert gibt es am 

25/08/25


KUCKULORES  

Immer dem Schabel nach!

-WEITERE AUSSICHTEN-

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Timo Schartner - Vollzeitträumer und Teilzeitphilosoph.  Ein Phantom zwischen den Zeilen. Jede Geschichte beginnt und endet mit einem einfachen Schritt. 

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